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Montag, 31. Oktober 2022

Gruseliges von der Küste

Nachdem ich mich lange rar gemacht habe ,mal wieder ein Post zu Halloween. Da ich nicht zum Schreiben einer neuen Geschichte gekommen bin ,etwas Nostalgie von 2014:Mein norddeutschhs Gruselstück:

Das Ding aus dem Watt 

Gruselige Unterhaltung und 

Happy Halloween!


Dienstag, 29. Oktober 2019

Zur Einstimmung auf Halloween:Die Geisterkogge

Eine hanseatische Gespenstergeschichte,die hier vor fünf Jahren schon einmal veröffentlicht wurde

Habe ich euch schon einmal von der Geisterkogge erzählt? Nun gut, dann tue ich es jetzt. Es muss voraus geschickt werden, das Bremen ja eine Hansestadt ist, und sich die Kaufleute im 14.Jahrhundert zum Transport von Waren der Koggen bediente. Jener bauchigen Schiffe mit einem Segel und 20-25 Metern Länge, von denen es Heute Nachbauten gibt, wie die „Roland von Bremen“.

Um eine solche Kogge geht es auch in dieser Geschichte. Allabendlich kann man sie beobachten, wie sie die Weser hinauf fährt .Scheinbar von unsichtbarer Hand gelenkt, weil kein Mensch an Bord zu sehen ist, und weil auch ,wenn kein Wind oder nur ein laues Lüftchen weht, das Segel stets gebläht ist.

„Trutz Blanke Hans“, steht an ihrer Seite , in, mit Blattgold verzierten, verschnörkelten Lettern. So gleitet sie in der Dunkelheit durch das Wasser der Weser.Staunend beobachtet von jenen, die Beruf oder Gewohnheit noch draußen sein lässt.

Schließlich legt sie an der Schlachte an, und wer sie dort liegen sieht, fragt sich, wie sie es mit ihrem Mast geschafft hat, unter der Brücke hindurch zu kommen.

Und nun? Da regt sich  etwas an Bord. Gestalten beginnen das Schiff zu entladen, und Ballen und Felle an Land zu schaffen, wo sie verschwinden.

Und immer, wenn die Kogge vor Anker liegt, geht durch die engen Gassen des Schnoor, der bekanntlich in früheren Zeiten das Kapitänsviertel war, ein Mann in altertümlicher Gewandung. Groß, massig und kräftig, mit einem grobschlächtigen, wettergegerbten Gesicht, dessen untere Hälfte ein wilder, struppiger Bart bedeckt.

Vor einer Schänke bleibt er stehen, und kehrt dann ein, auch wenn geschlossen ist. Der Wirt kennt schon den unheimlichen Gast, der stets einen Humpen Wein bestellt ,und eine Goldmünze auf den Tisch wirft.

Dann sitzt  er dort, eine halbe Stunde vielleicht, und ist, wenn der Wirt mal wieder nach ihm sieht, verschwunden. Der Humpen aber, steht noch wohl gefüllt auf dem Tisch.

Nun, eines Tages blätterte unser Wirt im Schnoor in alten Archiven der Schänke. Dabei fand er ein Bild, das aufs Haar seinen seltsamen, regelmäßigen Gast zeigte, und er erschauerte. „Hauke Stehnsen, der fluchende Kapitän, 1374“, stand darunter zu lesen. Ein roher Geselle war er, wusste die Chronik zu berichten, wie auch seine Mannschaft der „Trutz blanke Hans“ ,die gerade zu berüchtigt war. Bedenkt man, das in jenen Zeiten sowieso auf See raue Sitten herrschten, so mochte dies und die Bezeichnung „fluchender Kapitän" schon etwas heißen, und so war es auch.

Er und seine Mannschaft waren Trunk, Spiel und Vielweiberei über Gebühr zugetan, ebenso allem, was schnelles Geld versprach, z.B. das einbehalten von Fracht und Verkauf auf eigene Rechnung .Klar ,das da auch ein entsprechender Umgangston unter ihnen herrschte, aber wenn Stehnsen zu fluchen begann, und das war oft der Fall, sollen sogar die Wände rot geworden sein. Daher sein Beiname.

Eines Nachts nun, waren sie auf dem Rückweg von Nowgorod nach Bremen bereits in der Wesermündung .Es herrschte gerade ein Gewitter, und entsprechend schwer war die See. Da trat der Kapitän, vom Weine reichlich berauscht, an die Reeling des schaukelnden Schiffes ,sah nach oben in den dunklen, wolkenverhangenen Himmel, und schrie mit donnernder Stimme in die ,Regen und Wind gepeitschte ,Nacht:

“Gott, willst du mich hindern ,mein Ziel zu erreichen? Ich fürchte dich nicht ,Ich verlache dich! Willst du mir nicht helfen, so mag mich der Teufel nach Bremen bringen, ich bringe meine Fracht ans Ziel!“

Ob es die Strafe für seine gotteslästerliche Flucherei war oder Laune der Natur: Plötzlich blitzte es vom Himmel grell auf ,der Blitz fuhr in den Kapitän, und es brach ein Unwetter auf, wie man es vorher nie gesehen hatte.

 Stehnsens Schiff kenterte und Versank mit Mann und Maus, und nachdem das geschehen war, beruhigte sich das Wetter plötzlich.

Seit dieser Zeit ,berichten die Chroniken von der unheimlichen Kogge, die beständig die Weser herauf fährt, um zu halten, was ihr Kapitän einst versprach, und ihre Ladung abzuliefern.

Und so kann man sie auch heute noch sehen, Kapitän Stehnsens Geisterkogge.

Sonntag, 30. Oktober 2016

Die Bestie von Bartowek


Die alljährliche Horror-Geschichte zu Halloween.Achtung,wenn auch keine ausgedehnte Blutorgie, für Kinder nicht ganz so geeignet.


Ich muss diesen  Aufzeichnungen eines Voraus schicken: Die hier geschilderten Ereignisse sind wahr, auch wenn sie noch so unheimlich und phantastisch wirken, und noch so unmöglich erscheinen. Ich bin selbst ein Mann der Wissenschaft, und kann beschwören, dass ich das Folgende erlebt habe. Ich habe sie hier fest gehalten, in Erfüllung meiner Chronistenpflicht.

Es war im Jahre des Herren 1831, als ich in Karlsbad, in Böhmen ,weilte Ich residierte im ersten Haus im Platze, dem Hotel Pupp, wartend auf die Postkutsche, welche mich an mein eigentliches Ziel Bartowek  oder Bartowice, in den Bergen, bringen sollte.

Karlsbad, im tschechischen Karlovy Vary genannt, liegt im Westen Böhmens, an der Mündung der Tepla in die Eger. Es ist einer der berühmtesten, und traditionsreichsten Kurorte der Welt. Die Heilwirkung seiner Quellen ist bereits seit dem vierzehnten jahrhundert bekannt. Ihre Entdeckung geht der Sage nach auf einem durstigen Hirsch zurück, welcher mit seinen Hufen die erste Warme Quelle frei legte.

Freilich hätte ich auch einen Lehrstuhl an der Universität meiner Heimatstadt Königsberg bekommen können, doch fühlte ich mich noch nicht alt und erfahren genug dafür, obschon ich bereits Mitte Vierzig war, und war noch nicht bereit, sesshaft zu werden.

Darum, und weil mich fremde Länder und  Geheimnisse reizten, reiste ich herum, und bot meine Dienste als Privatgelehrter und Detektiv für außergewöhnliche Fälle an, welche örtliche Ermittler vor scheinbar unlösbare Rätsel stellten.

Oft erwies sich mancher Spuk als Scharlatanerie und Täuschung, und doch war ich mir bewusst, das es jene Dinge gab, die auch die Wissenschaft nicht erklären konnte.

Alle meine bisherigen Erlebnisse jedoch, waren harmloser Schabernack im Vergleich zu dem, was ich hier erleben sollte.

So harrte ich der Ankunft der Kutsche, welche nur wöchentlich fuhr, Morgen in der Frühe ankommen, und gegen Mittag wieder aufbrechen würde, und las  jenen Brief eines ehemaligen Studenten noch einmal , der mich hierher gerufen hatte, und in dem es um ein Monster ging, welches den Ort heim suchte, und bereits drei Menschen regelrecht zerfetzt hatte.

Der ‚junge Mann war bereits fortgeschritten, als ich meine Lehrtätigkeit aufgenommen hatte, und schloss zwei Jahre vor meinem eigenen Abschied von der Universität, sein Studium ab. Nun also hatte es ihn als Arzt ins Böhmische verschlagen.

*
  Der Morgen und der Vormittag verliefen weitgehend ereignislos. Nachdem ich das Mittagessen eingenommen hatte, stand der Wagen bereit, und ich konnte meine Reise fortsetzen. Außer mir reisten noch drei Leute mit, die allerdings weiter fuhren.

Als einer meiner Mitreisenden, ein etwa fünfzigjähriger Mönch, von meinem Ziel hörte, rief er aus:
„Dort hin wollt ihr wirklich? Ist euch nicht bekannt, das der Ort verflucht ist?“
„Nein, nur das es dort rätselhafte Todesfälle gab, welche ich untersuchen soll.“
„So habt ihr auch nichts von der Gräfin gehört, die das Land dort in Schrecken versetzte, von der es hieß, sie sei eine Hexe, und Gebiete über dunkle Kräfte .“
„In der Tat hörte ich noch nicht davon. Allerdings unterliege ich nicht dem Hexenglauben. Ich bin ein Mann der Wissenschaft.“

„Natürlich gibt es viel unsinnigen Aberglauben .Eleonore Bartowek  jedoch existierte, und sie errichtete eine Schreckensherrschaft, feierte schwarze Messen, und die Hölle. so heißt es, zeigte sich erkenntlich, und sandte ihr eine Bestie, die ihr zu Diensten war.

 Einige mutige Bauern bereiteten ihrer Herrschaft schließlich ein Ende, vertrieben die Bestie, und mauerten die grausame Gräfin in ihrer Familien-Gruft lebendig ein. Doch bevor die Gruft endgültig geschlossen war, verfluchte sie den Ort und ihre Richter“

„Eine schaurige Geschichte, sicher, aber doch etwas übertrieben“
„Wie ihr meint, doch lasst euch eins raten: meidet das Schloss. Es ist ein entweihter Ort, in dem es umgeht.“
„Danke für euren Rat. Ich werde ihn beherzigen, soweit ich kann.“

Die Fahrt ging nun durch bergiges Gelände, das, je weiter wir fuhren, immer grauer wurde .Kein Vogel war mehr zu hören. Eine eigentümliche Ruhe herrschte, als wir am späten Nachmittag in Bartowek einfuhren. Ein düster und trostlos wirkender Ort.
„Über allem liegt der Hauch des Todes“, murmelte der Mönch „geht mit Gott“
„Der Passagier, der hierher wollte, mag schnell aussteigen. Ich möchte vor Sonnenuntergang diese Gegend  passiert haben“, rief in barschem ton der Kutscher.

Ich entstieg dem Wagen. Im nächsten Moment wurde mir mein Gepäck entgegen geworfen, das aus einem großen Koffer und einer Instrumententasche bestand. Sofort danach gab der Fahrer den Pferden die Peitsche und im Galopp raste die Kutsche davon. Die angst des Kutschers  vor diesem Ort musste wirklich sehr groß sein.

*
Nun stand ich mit meinem Gepäck auf dem Hauptplatz des Ortes. Vor mir das Rathaus.
„Professor Falbius!“
Ich wandte mich um. Da stand mein ehemaliger Schüler, Anton Gerber. Er war wohl aus dem gegenüber liegenden Gebäude gekommen, dessen Tür noch offen stand. Verändert hatte er sich kaum. Groß und kräftig, mit dunkelblondem Haar, und einem gutmütigem Gesicht, dessen große blaue Augen fast kindlich blickten. Doch wie ich aus seiner Studienzeit wusste, ein Mann mit einem messerscharfen Verstand. Es musste wirklich ernst sein, wenn selbst er sich keinen Rat mehr wusste.

„Vielen Dank, das sie gekommen sind.“ er ergriff meine Hand, und rückte sie herzlich.
„Ich freue mich auch sie wieder zu sehen. Doch was trieb einen vielversprechenden Arzt wie sie in diese Gott verlassene Gegend?“
„Es war die Liebe. Meine Braut kam hierher, und da hier eine Stelle als Arzt zu besetzen war, kam ich hier her. Doch lasst uns doch hinein gehen. Wir haben auch ein Zimmer für sie. Wenn sie sich frisch gemacht haben, können wir gleich zur Sache kommen.“
„Immer noch ein Mann der Tat.“

Wir gingen also hinein. Ich bezog mein Zimmer, und kam darauf wieder herunter.
„Nun“, begann ich „Sie schrieben in ihrem Brief von rätselhaften, grausamen Morden, die hier Schrecken verbreiten“
„Es sind noch andere merkwürdige Dinge passiert. Ein unmenschliches Heulen, wie von einer gequälten Frau hallt durch den Ort. In eine Gruft auf dem Friedhof wurde eingebrochen, und dann diese drei Morde.“
„Ich nehme an, sie kennen die Geschichte von der Gräfin, welche hier herrschte.“
„Der Fluch ,ja. Doch das halte ich für Aberglauben. Darum habe ich einen Wissenschaftler hinzu gezogen, aber ich glaube, ich zeige es ihnen “
Er bedeutet mir zu folgen. Wir durchquerten das Haus, gingen durch eine Tür in einen Hinterhof, den wir durchquerten, und betraten ein anderes Gebäude.

„Als Arzt“, erläuterte Anton auf dem Weg „obliegt mir auch die Aufgabe der Leichenschau“
Als wir das andere Gebäude betraten, schlug mir ein Geruch nach Verwesung entgegen. Anton gab mir ein Tuch, das ich mir vor die Nase hielt, und führte mich zu einem Seziertisch, auf dem, mit einem Blut beflecktem Tuch bedeckt, ein Bündel lag.

Als er das Tuch weg zog, stoben Fliegen Hoch, und der Gestank verstärkte sich.
„Dies ist das letzte Opfer. Die anderen sahen ähnlich aus.“
Ich erschauerte. Der Anblick, der sich mir bot war wahrlich entsetzlich. Ein riesiger Brocken Fleisch, der einmal ein Mensch gewesen war.Das Gesicht war von etwas wie einem Prankenhieb geradezu zerfetzt worden. Nur noch das linke Auge war da. Da wo das rechte gewesen war, war ein blutiger Krater, der sich bis zum Hals herunter zog.
Der linke Arm war heraus gerissen.
Der Leib war ein einziges, blutiges Loch, aus dem die Gedärme heraus hingen. Die Unterschenkel schließlich, waren aufgeschlitzt worden.

Auch wenn ich Wissenschaftler war, so war mir doch klar, dass kein Mensch auf diese Weise tötete. Tatsächlich wirkten die Wunden mehr wie von Klauen und Zähnen eines wildes Tieres. Doch der tote musste ein Mann von stattlicher Größe gewesen sein. Was für ein Tier konnte das also gewesen ein?

„Gibt es hier in der Gegend Bären?“, fragte ich
„Schon“, antwortete Anton „Doch  sie meiden menschliche Behausungen. Wenn überhaupt, holen sie mal ein Stück Vieh, aber auch das ist sehr selten. Auch Wölfe lassen sich mit großer Wahrscheinlichkeit ausschließen. Die Verletzungen stammen nur von einem Angreifer.“

„Nun denn. Können sie mir zeigen, wo das letzte Opfer gefunden wurde?“
„Sicher. Ich hole nur eine Laterne, denn es wird allmählich Abend.“
Anton führte mich bis an die Mauer des Friedhofes.
„Hier hat er gelegen, oder was von ihm übrig war.“
An der bezeichneten Stelle fanden sich noch Spuren getrockneten Blutes. Auch die Mauer wies Spritzer auf.
Ich untersuchte den Ort, konnte aber nichts  weiter finden.

„Sagten sie nicht, es sei in eine Gruft eingebrochen worden?“
„Ja, es war die Familiengruft der Bartoweks.“
„Wollen wir sie uns auch einmal ansehen?“
„Sicher. Warum nicht? Die Gruft konnte noch nicht wieder geschlossen werden, aber es dürfte auch unwahrscheinlich sein, das jemand daraus entkommt.“ 
Er zwinkerte mir zu, und ich lächelte.
„Und überwiegend wertvolle Dinge sind auch nicht darin.“

Wir überquerten den Friedhof. Mittlerer Weile war es dunkel, und Anton hatte die Laterne angezündet.
Nebel waberte über das Gräberfeld, und ein kalter Hauch umwehte uns.
Schließlich kamen wir bei der Gruft an. Die Tür wehte leicht im Wind.  Mir fiel auf, dass sie leicht schief war. Sie musste also mit Gewalt aufgebrochen sein. Und ja, das schloss war zerstört.

„Waren sie schon unten?“
„Noch nicht. Wir fanden es nicht nötig."
„So gehen wir jetzt“
Ehe er noch etwas sagen konnte, stieg ich schon die Stufen herab.
In Nischen standen dort Särge aufgebarrt. Jeder mit einem goldenen Schild versehen, dem entnommen werden konnte, wer darin begraben lag.

Mein Blick fiel auf eine Wand an der Stirnseite, an der eine Tafel verkündete:
„Hier wurde lebendig begraben die Hexe Eleonore von Bartowek, auf das sie nie wieder Angst und Schrecken verbreite.“

Unter der Tafel jedoch war ein Loch in die Mauer  gebrochen. Antons Augen weiteten sich
„Wie ist das möglich?“
Wir gingen näher heran, und leuchteten durch das Loch. Der Raum dahinter war leer. Man hatte die Überreste der Toten gestohlen.

„Ich denke, hier können wir nichts mehr tun. Gehen wir.“, meinte ich. 
Wir wandten uns um, das Mausoleum zu verlassen, da erstarrten wir. Durch die Nacht erscholl ein schauerlicher Heulton, der nicht von einem Menschen stammen konnte.

„Was war das?“
„Ich habe keine Ahnung, aber es klingt entsetzlich"
„Los nach Oben!“
Wir stiegen die Stufen hinauf, und verließen die Gruft. Grad e als wir die Umzäunung durchschritten, stürzte ein riesenhafter Schatten auf uns herab. Ich spürte wie etwas meine Schulter aufriss. Ein unglaublicher, brennender Schmerz durchflutete meinen Arm. Ich stürzte und sah auch Anton fallen.

 Mich langsam aufrappelnd, sah mich einem Wesen gegen über, das der direkt der Hölle entsprungen zu sein schien.
Es maß über zwei Meter, und hatte zotteliges, dunkelbraunes Fell. Der Kopf glich dem eines Wolfes, mit heimtückisch blickenden rötlich gelben Augen, und einer spitzen Schnauze, deren aufgerissener Rachen vor spitzen, scharfen, gelblich weißen Zähnen starrte.

Das Ungeheuer stieß einen gutturalen, unmenschlichen Schrei aus, und stürzte sich auf uns. Ich tat einen Satz zur Seite, und stieß dabei auch Anton weg, hinter einen großen Grabstein, gegen den die Bestie krachend aufschlug. Ich rappelte mich auf, und riss Anton hoch.

„Zum Ausgang!“
Das Monster im Nacken,. dessen Knurren uns verfolgte, hetzten wir dem Ausgang des Friedhofes zu.
Schon durchquerten wir den Eingang, da stolperte Anton vor mir, und ich über ihn. Da stürzte sich auch schon die Bestie auf  uns, doch plötzlich prallte sie zurück, stieß einen Schrei aus, drehte ab, und lief den nahen Berg hinauf. 

Ich stand auf, und stellte fest, dass meine Jacke sich geöffnet hatte. Mein silbernes Kruzifix hing offen auf meiner Brust. Hatte es das Ungeheuer verscheucht?
„Sehen sie, wohin es läuft!“, rief Anton
Ich wandte den Blick dorthin .Auf dem Hügel, den die Bestie erklommen hatte, thronte wuchtig ein Schloss.
„Schloss Bartowek“, sagte Anton „Es steht leer, seit die Gräfin eingemauert wurde.“
„Und warum brennt dort oben im Turm Licht?“
Anton bemerkte es und erschauerte.“
„Das dürfte eigentlich nicht sein!“
Und doch ist jemand dort oben. Doch das können wir jetzt nicht mehr ergründen. Zunächst gehen wir nach Hause, und verbinden unsere Wunden.“

*
Wir gelangten ungehindert nach Hause, wo Anton zunächst die Fleischwunde in meiner Schulter verband. Er selbst hatte nur Abschürfungen davon getragen. Ein Glas Tokaier und ein kräftiges Abendmahl stärkten uns wieder.

„Nun, ihren Mörder haben sie jetzt gesehen. Es ist unzweifelhaft, das diese Bestie für ihre Toten verantwortlich ist.“
„Aber was ist das für eine Kreatur?“
„Wenn ich es richtig gesehen habe, handelt es sich um einen Werwolf. Ich habe davon gelesen, hätte aber nie an ihre Existenz geglaubt. Eines allerdings ist seltsam. Es ist kein Vollmond. Nach dem, was ich darüber gelesen habe, gehen sie nur bei Vollmond um. Aber vielleicht es  auch nur ein verkleideter Mensch. Man kann nichts ausschließen. Doch etwas Unheimliches geht hier vor sich, und der Schlüssel, glaube ich, liegt Oben im Schloss. Morgen früh gehen wir dorthin, und sehen uns um.“
*

Früh am nächsten Morgen, nach dem Frühstück, traf ich zunächst ein paar Vorbereitungen. Ich entnahm meiner Geldbörse ein paar silberne Münzen, schmolz sie ein, und goss Kugeln daraus, mit denen ich meine Pistole lud. Dann ging ich damit zum Pfarrer, wo ich sie weihen ließ. Der Geistliche gab mir noch eine Weihwasser-Ampulle mit.

So gerüstet gingen wir los. Meine Schulter schmerzte noch, doch ich war zuversichtlich, dass ich es schaffte.
Es dauerte etwas über eine Stunde bis wir beim Schloss ankamen. Durch das offen stehende Portal betraten wir den Schlosshof. Hier innen konnte man sehen, wie verfallen das Gebäude war, in dem Zweihundert Jahre lang niemand gewohnt hatte.

Wir überquerten den Hof, und betraten schließlich das alte Gemäuer durch den Haupteingang, dessen schwere Eichentür ebenfalls offen war. Wir zündeten eine Fackel an, und gingen durch die Eingangshalle. Kalt gemauerte Wände, an denen wertvolle Wandteppiche hingen, auf dem Steinboden persische Läufer. Wir gingen die Treppe hinauf, einen Gang entlang, an dem Bilder hingen, die verschiedene Adlige zeigten.

Wir stiegen die Treppen wieder hinunter, gingen um sie herum, und betraten durch ein großes Portal den Thronsaal, einen großen, lang gestreckten Raum mit einem roten Läufer in der Mitte, der auf einen alten vergoldeten Holzthron zu führte. An den Wänden hingen Gemälde, ein besonders großes zeigte eine geradezu überirdisch schöne Frau mit hohen Wangenknochen, pechschwarzem Haar, und kalten, grauen Äugen, deren Blick grausam und hochmütig wirkte.

„Das muss die Gräfin sein“, meinte Anton
Ich nickte, und ging auf das Gemälde zu. So sehr mich diese Frau auch abstieß, so zog sie mich doch gleichzeitig an.

„Was genau suchen wir eigentlich hier?“, fragte mein Begleiter
„Offen gesagt, weiß ich das selber nicht so genau.“
Plötzlich hörten wir die Eingangstür ins Schloss fallen. Wir liefen hin, und überprüften Sie. Sie war verschlossen, und lies sich nicht öffnen. Wir gingen durch das Schloss, und suchten nach anderen Ausgängen, doch wenn wir einen fanden, war auch er verschlossen. Wir waren hier eingesperrt!

Auch die Fenster erwiesen sich als fest verschlossen. Starke Holztüren waren vor sie gelegt. Es war uns nicht möglich zu entkommen. Was sollten wir tun? Wir gingen in die Bibliothek, die wir bei unseren Streifzügen gefunden hatten, und ließen uns dort nieder.

Wir wussten nicht mehr, wie lange es gedauert hatte .Zwischenzeitlich waren wir wohl eingeschlafen. Plötzlich, es war schon dunkel geworden, ertönte ein lauter heller Ton, wie ein Klagelaut von einer Frau.

„Ich glaube, es kommt aus dem Thronsaal“, meinte Anton
„Ja, bestätigte ich“
Wir rappelten uns auf, und machten uns auf den Weg zum dort hin. Es war nicht weit, und so kamen wir nur wenige Minuten später dort an.
Ich öffnete das Portal, und trat ein. Gleich hinter fiel es wieder zu.Ich wandte mich um, und stellte fest, das Anton nicht mehr hinter mir war.

„Anton!“
„Er wird nicht mehr kommen“
Es war die Stimme einer Frau. Hell, aber hochmütig und hart im Klang. Sie hallte nach, was an dem Raum lag.
Ich fuhr herum, und gewahrte vor mir jene Frau, die auf dem Gemälde abgebildet war. Ihre Schönheit war noch größer, als auf dem Bild, doch umgab sie eine Aura der Kälte. Sie trug ein langes Weißes Kleid aus Spitze, welches dem auf dem Bilde glich.

Ich konnte nichts dagegen tun .Fast schon automatisch ging ich auf sie zu.
„Was hast du mit ihm getan?“, presste ich hervor
Ihr Lächeln konnte nicht anders als höhnisch bezeichnet werden.
„Ich gar nichts .Mein Karel wird sich seiner annehmen.“ Und mit lauter Stimme rief sie:“Karel!“

Lang gezogen ertönte das schaurige Heulen der Bestie, das wir Gestern schon gehört hatten, danach ein gellender Schrei von Anton. Die Gräfin kicherte.
„Er ist verloren. und nun zu uns, Professor!“
„Die Gräfin Bartowek?“, fragte ich

Sie kam auf mich zu, und schien dabei zu schweben.
„Einst herrschte ich über diesen Ort, und bald wird es wieder so sein. Diese armseligen Menschen glaubten doch tatsächlich, mich bannen zu können, in dem sie mich lebendig begraben. Sie haben sich jedoch getäuscht, denn Satan ist mein Verbündeter, und wenn es auch Zweihundert Jahre gedauert hat, nun bin ich wieder da, Rache zu üben, und den Thron wieder zu besteigen, der mir immer zu stand.“
„Ihr seid nicht gealtert. Wie ist das möglich?“
„Du irrst dich.“
Sie trat näher an mich heran, das heißt, sie schwebte mehr, denn sie schien keine Füße zu besitzen.
„Meine Schönheit ist ein Trugbild, denn ich bin kein Mensch mehr. Sieh´, was sie mir angetan haben“

Es flirrte um sie herum, und was ich dann sah, war so grässlich, dass ich einen Schrei nicht unterdrücken konnte.
Ihr Gesicht war eingetrocknet, und glich einer Trockenfrucht. Die Haut wirkte wie Pergament, welches über den Schädel gespannt war, und gab so ihrem Kopf  die Wirkung eines Totenschädels ,der mit schütterem, schwarzem Haar bedeckt war, in dem Staub und Spinnenweben hingen.

 Hier und da im Gesicht hatte die Haut Risse, und hing in Fetzten herunter. Rund um den Rand des Gesichtes  waren runde Einstiche zu sehen. Man hatte ihr  also auch eine Schandmaske aufgeschlagen, welche nun verschwunden war. Auch die Arme ,die aus dem vermoderten Kleid hinaus sahen , wirkten vertrocknet .In Fetzen die Haut, die Hände wie Klauen.

Diese Schreckensgestalt stand nun dicht vor mir. Ich stieß besagten Schrei aus, und prallte zurück. Kichernd näherte sich mir die Ausgeburt der Hölle.
„Du kannst nicht entkommen, genauso wenig wie dein Begleiter, der nun schon zerfetzt sein wird.“
Mein Herz krampfte sich zusammen. Der arme Anton! Er hatte mich um Hilfe gebeten, und war nun einen grausamen Tod gestorben, den ich nicht hatte verhindern können. Verzweiflung machte sich in mir breit, und Wut.
Selbst wenn Anton tot war, musste ich doch den Ort von diesen Kreaturen befreien. doch wie?

Während ich zurück wich griff ich in eine Jackentasche, und fühlte die Weihwasser- Fiole. Könnte sie mir  helfen? Es war mehr eine Entscheidung der Verzweiflung. Ich zog die Ampulle hervor, und schleuderte sie mit aller Kraft gegen die Fratze der teuflischen Kreatur, wo sie zerbarst, und ihren Inhalt über sie ergoss. Die Reaktion setzte sofort ein.

Es schien, als würde sie zerfressen. Blasen bildeten sich auf ihrer ‚Haut, und platzten auf Unmenschliche Schreie ausstoßend  fuhr sie herum .Sie schien sich nicht mehr unter Kontrolle zu haben

Ich schritt wieder auf sie zu. Dabei ging meine Jacke auf, und das Kreuz kam zum Vorschein. Sie wich zurück. Sie hatte Angst vor dem christlichen Symbol!
Ich nahm das Kruzifix in die Hand, und schritt damit auf sie zu. Sie wich weiter zurück, doch das Weihwasser schien sie zu schwächen.

Ich war jetzt dicht bei ihr, ergriff angeekelt ihren Kopf, und drückte einem Instinkt folgend, das Kreuz auf ihre Stirn. Sie erzitterte und erbebte, stieß einen lauten, klagenden Schrei aus, und plötzlich hielt ich nichts mehr in der Hand. Ihr Kleid war zu Boden gefallen, und es rieselte Staub hinaus. Sie war zu Staub zerfallen. Ungläubig starrte ich auf das Kreuz in meiner Hand, dem ich solche Macht nicht zugetraut hätte.

Doch lange konnte ich nicht in Gedanken verharren, denn sogleich krachte und splitterte die Tür, und herein kam die Bestie. Oh nein, den Tod von Anton sollst du büssen!

Das Ungeheuer sah die Überreste seiner Herrin, stieß einen lag gezogenen Schrei aus, und stürzte sich auf mich.Ich wich ihm zur Seite aus, und griff in meinen Gürtel, wo die Pistole steckte. Die Silberkugel hatte ich extra für das Monster angefertigt, wenn ich auch nicht restlos von ihrer Wirkung überzeugt war, doch was anderes hätte mir einfallen sollen?

Die Bestie stürzte sich wieder auf mich. Ich richtete die Waffe auf sie, und feuerte .Beide Kugel trafen. Eine unterhalb des Halses, die Zweite ins Herz. Das Ungeheuer erstarrte, begann zu zittern, und brach, ohne einen weiteren Laut zusammen. Ungläubig und Grauen erfüllt sah ich, was geschah. Das Monster schrumpfte, das Fell ging zurück, und gab menschliche Haut frei. Die Wolfsschnauze bildete sich zurück, und wich dem hageren Gesicht eines mittelaltrigen Mannes mit langem, schwarzem Haar.

Anton! Ich musste nach ihm sehen, auch wenn ich nur noch Fetzen von ihm finden würde, doch die musste ich von hier fort schaffen, und auf dem Friedhof begraben. Ich betrat den Nebenraum klopfenden Herzen, und in Erwartung eines bestialisch zugerichteten Leichnams, doch da war nichts .sollte er…
„Anton!“, rief ich laut „Anton!“
Plötzlich hörte ich seinen leisen Ruf: “Hier“
Ich folgte seiner Stimme, auf die andere Seite der Eingangshalle. Dort war eine kleine Kapelle. Offenbar war sie nie entweiht worden, und Anton hatte die glänzende Eingebung gehabt, sich dort hin zu flüchten. Meine Erleichterung war unbeschreiblich. Lachend lagen wir uns in den Armen. Dann brachte ich ihn zum Thronsaal, und zeigte ihm den unbekannten Mann, in den sich der Werwolf verwandelt hatte.

„Das ist Karel Woijzak, der Schloßkastelan. Lebte im Dorf, hat hier aber immer nach dem Rechten gesehen. konnte sich nie von dem Schloß trennen. Seine Familie hat den Bartoweks immer gedient.“
„Auch als Bestien, um ihre Widersacher zu töten.“
„Aber sie sagten, erbrauche Vollmond, und jetzt ist auch keiner.“
„Tja, dieses Rätsel werden wir wohl nicht lösen können. Ich vermute, es lag an der Magie seiner Herrin.“
*
Wir verließen diesen entsetzlichen Ort .Karels Leiche nahmen wir mit, und begruben sie auf dem Friedhof.
Drei Tage noch, blieb ich in Bartowek, bis ich mich völlig von unserem ‚Abenteuer erholt hatte, dann reiste ich nach einem herzlichen Abschied ab.

So sitze ich nun hier, und bin am Ende meiner Erzählung. Mittlerer Weile ist es dunkel geworden. Der Vollmond scheint, und mich befallen eine Unruhe, und ein Kribbeln…

ENDE

Wer sich noch mehr gruseln möchte:

Freitag, 30. Oktober 2015

Das Krematorium

Hier meine diesjährige kleine Horror-Geschichte zu Halloween.Achtung:Nichts für Kinder!

Düster und drohend stand es da auf dem Hügel am Rande des Zentral-Friedhofes, das alte Krematorium. Nun war es seit bald Zehn Jahren außer Betrieb. Die neue Anlage lag zentraler, in der Mitte des Friedhofes, bei der Kapelle Sie war natürlich moderner, und heller gestaltet.
Das alte Krematorium war ein Backsteinbau, an dem der Zahn der Zeit nun stark nagte. Hier und da bröckelten Teile der Mauern ab. Durch beschädigte Fensterscheiben durchzog kühle Luft das alte Gebäude. An den großen, gusseisernen Öfen nagte der Rost, ebenso an den Schlittenanlagen, mit denen die Särge hinein gefahren worden waren.

Dennoch war die Anlage zuweilen immer noch Treffpunkt für Jugendliche oder für Paare, die hier ganz ungestört sein wollten, und es auch konnten, denn in diesen abgelegenen Teil des Friedhofes verirrte sich kaum noch jemand. Hier sollte es umgehen, hieß es, und düstere Geschichten von Menschen, die hier verschwanden, machten  die Runde.

Auch Corky kannte diese Geschichten. Er hatte hier bis zu seiner Rente gearbeitet, und die Särge eingefahren, sowie die Anlage gewartet. Just als sie endgültig den Betrieb beendete, ging auch er in Rente. Seitdem sah er hier nach dem Rechten, und versuchte das alte Gebäude einiger Maßen in Stand zu halten. Im Wechsel mit einigen anderen „Ehemaligen“.

Ursprünglich stammte er aus Irland. Der Liebe wegen war er hier her gezogen. Doch mittlere Weile war seine Frau verstorben. Und jetzt, mit Dreiundsiebzig zog es ihn auch nicht mehr zurück.

Er schritt den verwitterten, einiger Maßen  vom Unkraut gereinigten Weg zum Krematorium entlang, und kam schließlich an eine Pforte, die er aufschloss. Quietschend fuhr sie zurück. „Könnte auch mal wieder `ne Ladung Öl gebrauchen“, sinnierte er vor sich hin, als er hindurch schritt. Ihm war natürlich klar, das der rostige, mit genommene Zaun lange nicht mehr in der Lage war, ungebetene Besucher abzuhalten. Die Mittel zur Instandhaltung waren sehr begrenzt, und lediglich eine Hand voll Rentner konnten auch nicht jeden Meter Zaun in annehmbaren zustand halten. So kam es auch öfter mal vor, dass er hier Jugendliche Paare, oder auch Gruftis erwischte, und wenn er die Morgenrunde machte, fand er auch immer mal wieder  Überbleibsel schwarzer Messen vor.

Nun ,im Dunkel der Nacht, wirkten der Bau und seine Umgebung doppelt unheimlich, und selbst ihm ,der nicht zu den schreckhaften Menschen gehörte, war doch schon etwas beklommen zumute.
Er schloss die Eingangstür auf, und betrat das alte Gebäude. Links ging es zu den Büros der Verwaltung und den Sozialräumen der Beschäftigten, geradeaus lag das Kühllager für die ankommenden, zur Verbrennung vorgesehenen  Särge, die hier noch einmal zwischen gelagert wurden, für den Fall, das die Gerichtsmedizin sie noch einmal untersuchen musste. Es gab in Corkys Erinnerung nur eine Handvoll  solcher Fälle, in der Zeit, in der er hier beschäftigt war.

Natürlich standen jetzt dort keine Särge mehr, und die Kühlanlagen waren längst außer Betrieb, wie auch die beiden großen Verbrennungsöfen, welche man erreichte, wenn man die Doppeltür rechts durchschritt. Wenn man eintrat, lagen linkerseits die Öfen mit dem vor geschalteten Schlitten, auf denen die Särge eingefahren wurden. Rechts, weiter Hinten, lag die Schaltwarte, von der aus die Öfen gefahren wurden. Sie lag darum weiter Hinten, weil sich vorher ein Raum mit einer Sichtscheibe befand, von dem aus Angehörige, den Sarg der verstorbenen Person beim Einfahren in den Ofen beobachten, und so noch einmal endgültig Abschied nehmen konnten.

Corky schritt alles ab, ging die Treppe hinter, die unter die Öfen, und zur Technik führte Zu den Behältern die die Asche auffingen, den Magnetabscheidern, die Metallteile, wie chirurgische Schienen aus der Asche sortierten, bis hin zu der Mühle, die die Asche mahlte, bevor sie in die Urnen gefüllt wurde.

Die ganze Technik stammte aus den Achtziger Jahren, in denen die Anlage modernisiert worden war. Nun hatte man ein ganz neues Krematorium gebaut. Das Leben ist eben Veränderung.

 Corky sah sich um, kontrollierte die verwaiste Werkstatt, und stellte  fest, das alles in Ordnung war. Er stieg die Treppe wieder hinauf. Was war denn das? Von Oben ertönte einlauter Knall, als ob eine schwere Tür mit Gewalt geöffnet wurde. Er lief schneller die Treppe hinauf, und plötzlich wehte ihm ein eisiger Hauch ins Gesicht, so dass er sich am Geländer fest halten musste.

„Hallo, wer ist da?“, rief er nach oben. Keine Antwort. Er stieg weiter nach oben, dabei spürte er plötzlich Wärme. „Aber hier wird doch gar nicht mehr geheizt“, sagte er zu sich selbst, und dann stellte er fest, das die Wärme vom Ofen neben ihm kam. er war jetzt am oberen Treppenansatz angelangt, und sah sich um. Hinter dem Einfahrtstor von Ofen 1 konnte man Glut erkennen. Das war doch gar nicht möglich!
„Das kann doch gar nicht sein, der Laden ist seit über Zehn Jahren außer Betrieb“, dachte Corky, beklommen, doch als er zu den Förderbändern sah, stockte ihm der Atem: Da stand ein Sarg darauf! Das war doch völlig verrückt. Was war hier los?

Fassungslos starrte er auf das Szenario vor ihm, das ihm so unwirklich vorkam, und doch klar sichtbar vor ihm stattfand. Nun spürte er den kalten Windhauch wieder. Diesmal kam er von der Seite, von Rechts. Corky drehte sich dorthin um, und was er sah, lies ihn vor Grauen erstarren. Im nächsten Moment spürte er einen heftigen Schlag gegen den Kopf, und ihm wurde schwarz vor Augen.

Als er mit bleischwerem Kopf erwachte, lag er auf einer gepolsterten Unterlage. Er wollte die Glieder recken, doch er prallte gegen Wände. Wo bin ich? Er wollte sich erheben, kam aber gar nicht richtig hoch, denn er prallte sofort an eine Decke oder einen Deckel? Angst erfasste ihn, die sich zu maßlosem Grauen steigerte, als ihm klar wurde: Ich liege in einem Sarg!
„Hallo Hilfe!“, brüllte er angstvoll  „holt mich hier raus!“
Doch niemand half, und plötzlich spürte er einen Ruck, der Sarg bewegte sich! In höchster Todesangst polterte er gegen den Deckel.
„Hilfe, Hilfe, ich bin hier drin, ich bin nicht tot, Hilfe“
Doch es half nichts. Im nächsten Moment spürte er die alles verzerrende Hitze des Feuers, Sekunden unerträglichen  Schmerzes, und dann eine gnädige Ohnmacht, aus der er niemals wieder erwachen sollte.

Aus dem Schornstein des alten Krematoriums stieg schwarzer Rauch auf, und drinnen stand eine unheimliche Gestalt vor dem Ofen, in dem es glühte. Zischen und Fauchen drangen aus dem Ofen hervor.
Der Unheimliche nickte zufrieden. Es würde Heute Nacht noch mehr Arbeit für den Ofen geben. Eine alte Prophezeiung würde sich nun erfüllen, und alte Schuld gesühnt werden, und über die kleine Stadt würde das Grauen herein brechen.  Von hier aus würde bald das Grauen über die kleine Stadt kommen. Dieser alte Wärter war nur der Anfang…

*
Das Klingeln riss ihn aus dem Schlaf. Paul Weller erhob sich müde. Er war früh ins Bett gegangen, weil er ein wenig erkältet war, aber als Polizeichef einer Kleinstadt hatte man hat immer Rufbereitschaft.
Er griff nach dem Handy auf seinem Schreibtisch, drückte den Knopf zum annehmen des Gesprächs, und raunte ein müdes „Hallo“ hinein.

„Wie? Rauch über dem alten Krematorium? In Ordnung, ich sehe mir das mal an.“
Unwillig glitt er aus dem Bett, und zog sich an. Er war Vierzig Jahre alt, groß gebaut, hatte schwarze Haare, die an Schläfen leicht angegraut waren, und ein schmales Gesicht mit einer etwas großen Nase und blauen Augen. Sein Streifenwagen stand quasi vor der Tür, denn Polizei-Oberkommissar Weller bewohnte eine Dienstwohnung über dem kleinen Polizei-Revier. Er war nach dem Tod seiner Frau aus der Stadt hierher in diesen Ort im Weserbergland gekommen, weil er Ruhe und Einsamkeit suchte.

Fünf Minuten später hatte er den Friedhof erreicht. Er hatte Schlüssel für alle öffentlichen Gebäude, aber das Friedhofstor war offen. Der Friedhofsleiter, der eine Dienstwohnung neben dem Friedhof hatte, empfing ihn.
Sieht aus, als würde er selbst bald reif für seinen Laden sein, dachte Paul, und tatsächlich, Albert Jörk wirkte wirklich irgendwie wie der leibhaftige Tod. Ausgemergelt, ein Glatzkopf mit einigen wenigen Haaren, die der Zahn der Zeit wohl übersehen haben musste, tiefliegende Augen, und hohe Wangenknochen, über die sich die Haut wie Papier spannte.

„Guten Abend Herr Jörk, was kann ich für sie tun?“
„ N, Abend, Herr Kommissar“, antwortete Jörk mit einer krächzend klingenden Stimme  „Tut mir leid, sie aus dem Bett geholt zu haben, aber sehen sie“,
 und damit wies Jörk hinter sich, wo der Schornstein des alten Krematoriums empor ragte, wie eine riesige Zigarre. Weller konnte nun ebenfalls den schwarzen Rauch sehen, der aus ihm quoll.

„Die Anlage dürfte nicht laufen, sie schon seit über zehn Jahren außer Betrieb, das dürfte nicht sein, da stimmt was nicht.“
„Hmm…, verstehe. Was meinen sie, wollen wir uns das mal ansehen.“
„Von mir aus, ich habe meine Schlüssel bei mir.“
Gut, steigen sie ein.“

Albert Jörk stieg zu Paul Weller in den Streifenwagen, und sie fuhren den Weg zum Krematorium hinauf. An seinem Ende stand schon ein Fahrrad.
„Das gehört dem alten Corky, ganz sicher“
„Nun, dann mist er da drin. Hat er solch eigenartigen Sinn für Humor?“
„Beileibe nicht, er sieht hier nach dem Rechten. Er hat ja selber lange dort gearbeitet“
„Alles klart, dann könnte er auch in Gefahr sein, gehen wir hinauf, und sehen wir nach.“

Sie gingen den Weg hinauf, und durch die Pforte. Vor ihnen türmte sich das Gebäude auf, und der Schornstein, aus dem weiten Rauch quoll.
„Gehen wir weiter“, sagte Weller…
*
„Mensch, das war knapp“, sagte  das Mädchen. Kira Grünwald war Siebzehn, hatte dunkelbraunes Haar, und ebensolche Augen.Sie war nicht ganz schlank, aber weit entfernt davon dick zu sein.
„Wenn uns der Weller hier gesehen hätte“
Ihr Begleiter, Mark Behtge,  war eine Art Gegenentwurf zu ihr: Groß, schlank, kurzes, blondes Haar und blaue Augen. Er war Achtzehn.

„Was macht denn der Bulle hier?“, fragte er gerade.
„Sucht wahrscheinlich wegen dem rauchenden Schornstein. Ist auch ziemlich merkwürdig. eigentlich ist der Laden doch seit Jahren nicht mehr in Betrieb. Ich frag´ mich sowieso, ob es nicht vielleicht besser ist, die Sache abzublasen. Ich meine, wie sollen wir da denn noch rein kommen. der Alte ist doch auch noch drin. Jedenfalls haben wir ihn noch nicht wieder raus kommen sehen“

„Am Besten, wir gehen um den Kasten herum, und in den Keller, da wollten wir uns ja sowieso treffen!“
„Robby!“, rief das Mädchen, und drehte sich zu Robert Brem um. „hast du mich erschreckt.
Robert war 18, und hatte wuscheliges, schwarzes Haar.
Kommt, die anderen warten schon  im Keller, ich hab´ grade mit Freddy telefoniert.Wir kriegen das schon hin, das sie uns nicht erwischen.

Sie gingen um das Gebäude herum, und kamen schließlich an einer alten, schweren Eisentür an, die angelehnt war.
„siehst du „sagte Robert, „sie haben für uns auf gelassen.“
Als sie die Tür öffneten, gab sie den Blick auf eine Treppe frei, die sie hinab stiegen. Unten angekommen, standen sie in einem Korridor, der Links und Rechts jeweils in einen dunkeln Gang führte. Geradeaus  war eine Tür.

„Die Tür“, sagte Robert. Kira öffnete sie Tür, und sie traten in den Raum dahinter ein. Gleichzeitig fiel oben die Tür krachend zu.
Als sie drinnen waren, blieben sie kreidebleich stehen, so entsetzlich war das, was sie sahen:

Da stand ein aschfahles, verängstigtes Mädchen in ihrem Alter.Daneben lag, bewusstlos, ein Junge, der aus dem Kopf blutete. Über ihm stand eine grauenhafte, fast Zwei Meter große Gestalt, die einen schweren, gusseisernen Schürhaken in der rechten Hand hielt.
Sie trug vermoderte, altertümliche, schwarze Kleidung, die teilweise in fetzen am ausgemergelten Körper hing.

Der Kopf des Unheimlichen war bis auf ein paar lange, weiße Haare kahl. Seine Haut, wo noch welche war, war verkohlt und voller Brandwunden.
Rote Augen, wie glühende Kohlen, lagen tief in den Höhlen des Schädels, an dem teilweise ganze Fleischfetzen fehlten, und sahen sie durchdringend ein.
„Willkommen“, sagte er mit einer knarrenden Stimme, in der nichts Menschliches lag.
Hinter ihnen fiel die Tür zu….

*
Pfarrer Josef Woelk saß kreidebleich und wie versteinert da. Er hatte die Kirchenchroniken neu geordnet, und dabei fiel ihm der Rest eines alten Tagebuches in die Hand. Es stammte von einem seiner Vorgänger, dem Pfarrer Wilhelm von Anderheim, und es war ein unheimliches Dokument. Es enthielt die Schilderung eines entsetzlichen Verbrechens, nämlich des grausamen Mordes an einem Grundbesitzer.
31.Oktober im Jahre des Herren 1615:

Es ist geschehen. Ich komme gerade von dem Ort des Verbrechens. Unser unausweichlicher Entschluss ist ausgeführt. Es musste sein, der war mit dem Teufel im Bunde .die Frau unseres Bürgermeisters hatte er verhext. Wir hoffen, mit seinem Tod ist sie wieder frei.
Wir haben Jeremias Brünn in seinem Haus eingeschlossen, sodann zündeten wir es an, das er darin verbrannte. Just, als das ganze Gebäude in Flammen stand, durchbrach er ein Fenster. Brennend, eine lebende Fackel, sprang er hinaus. Seine gellenden Schreie habe ich noch im Ohr, und noch mehr seine  schaurige Prophezeiung.

„Für das mir Heute Abend angetan wird , werden eure Nachkommen büßen, und wenn 500 Jahre vergangen sind, soll dieser ganze Ort in einem Feuersturm versinken, das schwöre ich, und wenn ich die Kräfte der Hölle dazu zu Hilfe nehmen muss!“ Danach brach er mit einem letzten schrei brennend zusammen und starb.
Gott schütze uns, und vergebe uns, was wir Heute Nacht getan.

Woelk  begann in anderen Chroniken nachzuforschen, und fand heraus, das Jeremias Brünn ein Außenseiter war. Ein Eigenbrötler, der aber Charisma besaß, und ein Verhältnis mit der Frau des Bürgermeisters hatte. Die Beschuldigung der Ketzerei und Teufelsanbetung war zu jener Zeit ein gängiges Mittel, um sich eines Rivalen zu entledigen, darüber hinaus lieferte sie ein hervorragendes Alibi, damit die Frau einer Anklage wegen Ehebruchs entging. Wenn sie verhext war, konnte sie nichts dafür.

Der Pfarrer schlug die Hände zusammen. Welch eine Niedertracht war hier begangen worden. Er sah sich Karten an, und stellte fest, das Brünns Haus genau dort lag, wo nun das alte Krematorium stand. Er ging ans Fenster seines Pfarrhauses, das neben der Kirche, direkt an den Friedhof angrenzte, und sah hinaus. Sah auf dem Hügel die Silhouette des alten Krematoriums, und den Schornstein, der rauchte. Sah ein Glühen in den Fenstern.

Er wandte den Blick auf seinen Kalender, und erstarrte. Konnte das…Nur ein Paar Sekunden später erhielt er die Bestätigung. Auf der Seite des aufgeschlagenen Tagebuches brannten sich plötzlich Zahlen und Buchstaben ein:A.D.31.10.1615, Dann ging das Buch in Flammen auf.
Josef sah auf, ging zum Fenster, und sah noch einmal hinaus zum Krematorium, und zu dem verkohlten Buch. Und er wusste, was er zu tun hatte.
Er legte sein Ornat und seine Schärpe an, und hing sich sein großes Kruzifix um

Er ging in die Kirche, füllte eine Flasche mit Weihwasser aus dem Taufbecken, dann ging er zum Altar und kniete nieder.
„Herr, gibt mir die Kraft zu tun, was ich tun muss, denn sonst erwartet diese Stadt ein Inferno!“
Er wandte sich entschlossen um, und ging…
*
„Willkommen in meinem Reich, zur Nacht des Feuers. Jenes Feuer, das einst mich verzerrte, soll nun diese Stadt verzerren, die ich vor so langer Zeit verfluchte, und ihr sollt es nähren.“
Von lähmendem Entsetzen gepackt, standen die Jugendlichen da, und blickten auf die Gestalt des unheimlichen, der ihnen diese schreckliche Drohung entgegen schmetterte, und sie mit glühenden Augen praktisch durchbohrte.

„Doch halt, ich merke gerade, ich habe Oben noch zwei Gäste, die das Höllenfeuer nähren wollen. So werdet ihr einstweilen warten, während ich mich ihrer annehme.“
Mit einem hässlichen Lachen entschwand er. Robert lief zu dem bewusstlosen, und kniete sich bei nieder, um dessen Vital-Funktionen zu prüfen. Mark rüttelte an beiden Türen, während Kira das verängstigte Mädchen zu trösten versuchte, obwohl sie selber Todesangst verspürte.
„Nichts“, sagte Mark tonlos, „Alles dicht, wir sind hier gefangen.“ Robert erhob sich mit ernstem blick von dem nieder geschlagenen. “Sein Schädel ist eingeschlagen“, sagte er, und das  Grauen war ihm anzuhören, „Er ist tot.“…
*
Weller und Jörk betraten das Gebäude. Zur Linken lag die Verwaltung. Gerade aus der Kühlraum für die, zur Verbrennung vorgesehenen, Särge mit Leichen. Aber ihr Ziel war die Halle mit den Öfen. Als sie eintraten, stockte ihnen der Atem.
Fackeln, die an den Fenstern angebracht waren, tauchten die Halle in gespenstisches Licht. Beide Öfen, schien es, waren angeheizt. Hinter ihnen fiel die Tür ins Schloss. Sie liefen zurück, um sie wieder zu öffnen, doch vergeblich.
„Guten Abend!“
Sie wirbelten wieder herum, und bekamen im nächsten Moment einen schweren schlag gegen den Kopf, so dass es schwarz wurde.
*
Langsam, aber sicheren Schrittes, ging Pfarrer Woelk den Weg zum Krematorium hoch. Er wusste, was ihn erwartete. Heute Nacht, würde sich das Schicksal erfüllen. Er dachte an die Worte Christi, am Abend vor seiner Verhaftung: Herr, wenn es möglich ist, lass diesen Kelch an mir vorüber gehen. Doch er wusste, dieser Kelch würde nicht an ihm vorüber gehen. Das Schicksal seiner Gemeinde, der ganzen Stadt stand auf dem Spiel. Vor ihm tauchte das Krematorium auf. Vor der Pforte blieb er kurz stehen. Dann schritt er entschlossen voran. Die Zeit der Entscheidung war gekommen…
*
Als Weller wieder zu sich kam, fühlte er, dass er an Händen und Füssen gefesselt war. Jedenfalls fühlte es sich so an. Er konnte die Glieder nicht bewegen. Den Kopf, der schmerzte, konnte er jedoch drehen, Er fühlte Blut an seiner Schläfe entlang rinnen, und sah mit Entsetzen den alten Jörk neben sich liegen. Das Blut an seinem Kopf und sein starrer Blick zeigten, dass er tot sein musste.

Paul wandte den Blick wieder nach vorn, auf das gespenstische Szenario, welches sich vor ihm abspielte. Vom Licht der Fackeln beleuchtet, standen dort Särge, vier Särge. Zwei von ihnen standen schon auf den Förderbändern, die sie in die Öfen fahren sollten.
In der Mitte, neben dem Band des Ofens, der am nächsten war, stand der riesenhafte Fremde, der allen möglichen Stellen verbrannt zu sein schien. Eine dämonische Macht ging von ihm aus. Sie war es, die Weller fesselte.

„Ah, aufgewacht. Nun denn, dann können wir beginnen. Bevor du selber dran bist, werde Zeuge, wie  meine jungen Opfer das Höllenfeuer nähren und entfachen, welches ich auf diese Stadt hernieder regnen lassen werde. Was mir dereinst angetan, sollen alle in diesem Ort erleiden. Mit Satans Hilfe vollende ich meine Rache!“
Damit wies er mit einer verbrannten, klauenartigen Hand auf die Anlage, und die Särge setzten sich in Bewegung. Die Öfen öffneten sich und gaben rotglühende Löcher frei, gleich einem Höllenschlund.

Zu seinem maßlosen Entsetzen, hörte Paul wie von innen gegen die Särge gehämmert wurden. Stimmen riefen von innen um Hilfe. Stimmen ,die ihm bekannt vorkamen. Stimmen Jugendlicher aus dem Ort, die er kannte. Er stieß einen Schrei des Entsetzens aus. Der Unheimliche lachte schaurig, und die Särge fuhren in die Öfen ein…
*
Pfarrer Woelk betrat das Krematorium. Er wandte sich  Zielsicher nach  Rechts, und versuchte die Tür zu öffnen. Es ging nicht. Kurz verharrte er, dann nahm er sein silbernes Kruzifix, küsste es und drückte es gegen die Tür. Ein Zischen ertönte und sie ging auf. Der schob sie ganz auf, und trat hindurch. Da erscholl ein Schreckensschrei…
*
Das schaurige Lachen des Unheimlichen, und Pauls Entsetzensschrei vermischten sich, doch plötzlich wurde es von einem scharfen Ruf durchbrochen.
„Jeremias Brünn!“

Der Unheimliche und Paul drehten sich in Lichtung der Stimme um. Langsam, aber festen Schrittes kam der Pfarrer näher. Mit der einen. Er hielt das Kruzifix mit der linken Hand hoch. In der Rechten hielt er die Weihwasser-Viole.

Schon war er an die dämonische Gestalt heran gekommen, da hob er die Hand mit der Viole, und Weihwasser spritze dem Unheimlichen ins Gesicht. Ein lautes Zischen mischte sich mit dem erschreckten Aufschrei des Untoten, und ruckartig kamen die Särge Zentimeter in der Öffnung zu stehen, die an den Fußenden bereits angekohlt waren.

„Du willst ein Opfer?“, rief der Pfarrer „Du sollst eins haben, denn es war letztendlich die Inquisition, die dich verurteilte. Hier ist dein Opfer!“

Mit diesen Worten stürzte er sich auf das Monster und umfasste es, so, das sich das Kruzifix zischend gegen dessen Leib drückte. Dann drängte er es zum, ihnen nächststehenden, Ofen.
Mit einem Fußtritt schob er den Sarg beiseite, und drängte mit seinem Gegner der rotglühenden Öffnung zu. Er wandte sich kurz Paul zu, und rief: “Retten sie die Kinder!“, dann stürzte er sich und den sich verzweifelt wehrenden Unheimlichen mit einem gewaltigen Satz in den Höllenschlund.

Die Glut schlug über ihnen zusammen, und peitschte auf. Bläuliche Flammen schossen aus dem brodelnden Ofen heraus, der mit einem gigantischen Knall barst, dann verwandelte sich die Halle in ein loderndes Inferno…

*
Schon als der Pfarrer den Unheimlichen mit Weihwasser besprenkelte, spürte Paul Weller, dass er sich wieder bewegen konnte.
Sofort stand er auf.Trotz Schmerzendem Kopf und Schwindelgefühl erfasste er die Lage sofort.

„Wenn du ein Opfer willst…“, hörte er Woelk rufen, da war er schon bei den ersten Särgen, öffnete sie, und lies die Gefangenen heraus.
„Raus hier, schnell!“, rief er den verängstigten und verstörten Jugendlichen zu, dann lief er  zur Ofenanlage, um die Särge auf den Förderbändern zu öffnen. Zunächst, den, welchen der Geistliche vorhin zur Seite getreten hatte.

 „Retten sie die Kinder !“, hörte er den Priester noch rufen, als er die Beiden Jugendlichen, Mark und Kira, bei den Händen fasste, und mit sich zog. Kira hatte Tränen in den Augen.

Kaum waren sie vom Ofen weg, da knallte es schon. Der Ofen explodierte. Bläuliche Flammen züngelten um sie herum. Die Druckwelle der Explosion warf sie zu Boden. Sofort erhoben sie sich wieder, und kämpften sich zur Tür, wo die anderen beiden immer noch Standen. Mittlerer Weile war die ganze Halle ein Flammenmeer.

„Ich hab doch gesagt, ihr sollt hier raus. Worauf wartet ihr?“, rief Paul, und schob die Beiden weiter. In diesem Moment gab der Boden unter einem Ofen nach. Die ganze Anlage fiel mit Getöse in sich zusammen. Unten explodierte ein Heizölbehälter, und hier zerbarsten zwei Eimer mit Verdünnung.

Nun begriffen lösten sich auch die Beiden angesprochenen aus ihrer Erstarrung,  und gemeinsam flohen sie zur Tür, die bereits auch von Flammen umgeben  war. Gerade kamen sie noch durch. Paul schob seine Schützlinge voran, und hechtet als letztes nach draußen .Sekunden später fiel der Türrahmen hinter ihm zusammen, und gleich danach die Wand. Auch der Vorraum stand bereits in Flammen. Die Hitze raubte ihnen den Atem. Paul schob die Jugendlichen voran, und schließlich hatten sie sich ins Freie gekämpft.

Sie hasteten den Weg runter bis zum Auto. Dort verharrten sie hustend und Keuchend. als sie wieder Luft bekamen, wandten sie sich um, und sahen dorthin zurück, wo das gesamte Gebäude in Flammen stand. Es wirkte wie eine gigantische Fackel, welche den ganzen Ort in gespenstisches Licht tauchte.

Plötzlich schoss eine bläuliche Flammensäule senkrecht empor, und zerteilte sich in funken, wie eine Silvesterrakete, dann stürzte das Gebäude endgültig ein. In der Ferne hörte man Sirenen der Feuerwehr, doch zu löschen gab es jetzt nichts mehr.

Notärzte versorgten Paul und die Jugendlichen, während auch die letzten Reste des Gebäudes verbrannten. Schließlich stürzte auch der Schornstein ein. Das alte Krematorium gab es nicht mehr.

Erst am nächsten Tag konnte man die Überreste des toten Jungen, sowie Albert Jörk und des aus den rauchenden Trümmern bergen. Vom toten Pfarrer zeugte nur noch ein Klumpen Silber, der einmal sein Kruzifix war. Er wurde ins Pfarrhaus gebracht, wo man auch die alten unterlagen fand. Alles was man von Corky fand, war seine Identifikationsmarke aus der Militärzeit.

Der Ort, an dem das Krematorium stand, ist immer noch unheimlich, wenn nicht noch unheimlicher. Es heißt, ein Teil eines Ofens ist noch übrig, und ab und zu glüht es in ihm auf…

ENDE

Noch nicht genug gegruselt?Kein Problem:

                      Halloween 2014:Das Ding aus dem Watt

Donnerstag, 30. Oktober 2014

Das Ding aus dem Watt




Die diesjährige Gruselstory zu Halloween(dafür diesen Sonntag kein Post).Hinweis:diese Geschichte ist nicht übermäßig blutrünstig,aber trotzdem nichts für Kinder.Also dann gruseliges Vergnügen!

Gott, war das schon so lange her? Fast 30 Jahre, kaum zu glauben! Nun fuhr er die Landstrasse entlang, nach Sandersiel. Zum ersten Mal, seit damals.
Rings herum Weiden, Wiesen und Felder, abgelöst von Moorlandschaft. Flach, wild, herb, das war Friesland, Das war die Nordseeküste.
Rotorange ging hinter dem Deich die Sonne unter, auf den er zu fuhr. Kleine Dörfer tauchten,auf, waren schnell durchfahren ,und  gingen wieder in die Landschaft über . Hier und dort tauchte ein Bauernhof an seiner Seite auf.
Er war hier geboren worden und hatte seine ersten Lebensjahre hier verbracht. Doch dann ,er war kaum drei Jahre alt, änderte sich alles, mit dem Tod seiner Eltern, von dem er nicht mehr viel wusste.
Vielleicht war das auch ein Grund ,warum er nach Sandersiel zurück kehrte. Er wusste  nur noch ,das er zunächst auf den Nachbarhof  kam, und dann zu einer Pflegefamilie nach Bremen, wo er aufwuchs. Die Stadt war Carsten Joorn zur zweiten Heimat geworden.
Er hatte sich dort eine Existenz aufgebaut, hatte Kunst studiert und gerade eine Galerie eröffnet. Kurz sah er sich im Spiegel an. Ein ebenmäßiges, längliches ,leicht gebräuntes  Gesicht mit Grübchen unter dem Kinn, einer etwas großen Nase und blauen Augen, das von  welligem dunkelblonden Haar umrahmt war. Er war fast Einsneunzig groß und schlank.
Die ersten Häuser, und die Ortseinfahrt von Sandersiel kamen in Sicht. Wie in vielen anderen Orten auch ,hatte sich einiges verändert, aber irgendwie war hier doch die Zeit stehen geblieben. Das merkte er, je mehr er in  Richtung Stadtmitte fuhr, und dort lag erst einmal sein Ziel: das Rathaus.
Ein paar Minuten später hatte er es erreicht. Er stellte seinen Wagen auf einem Besucherparkplatz ab, und betrat das alte Gebäude ,das sich ,seit er weg war, scheinbar gar nicht verändert hatte. Drinnen allerdings hatte man die Einrichtung, wo es nötig gewesen war, ein wenig modernisiert, hatte dies aber zurückhaltend getan, um den nostalgischen Charakter des Gebäudes zu erhalten. Auf einem Ständer lag ein Stapel Zeitungen. Er betrachtete das Titelblatt, die Zeitung war von Heute, und es handelte sich um ein Lokalblatt. Er sah ein großes Foto von Polizisten und Hilfskräften, die einen Leichnam bargen. Darüber die Überschrift: “Vermisster Wattwanderer aufgerissener Kehle aufgefunden“ darunter ein Untertitel: “Zweiter Todesfall nach der Leiche vom Deich“ Warum hatte er plötzlich ein Bild seiner toten Eltern im Kopf ? Er wandte sich von der Zeitung ab, schüttelte den Kopf, um die Bilder los zu werden, und ging ins Büro des Stadtamtes, wo man ihn schon erwartete.

*
„Herr Joorn, herzlich willkommen in Sandersiel“, begrüßte ihn Bürgermeister Franz Scheerboom, der auch der Immobilienverwalter war. Er war ein mittelgroßer beleibter Mittfünfziger mit hoher Stirn und grauem Haarkranz.
„Schön, das sie es einrichten konnten. Ich hoffe,sie hatten eine gute Fahrt“
„Ja, ganz angenehm“, meinte Carsten.
„Schön, schön. Ja, wir hatten ihnen ja geschrieben, das sie Erbe ihrer Eltern, und damit ihres Hauses hier im Ort sind. War übrigens gar nicht so leicht sie zu finden. Wir hatten nur die Adresse der Pflegefamilie ,in die sie gekommen waren. Danach verlor sich ihre Spur. Ja, das Haus wurde während der ganzen Zeit so weit es ging instand gehalten. Das eine oder andere musste erneuert werden. Es ist sicher nicht im Idealzustand, aber es ist bewohnbar.“
„Vielen Dank. ich werde mir ansehen, und dann entscheiden, ob ich einziehe, oder es verkaufe.“
„Ja, dann hier…“, er öffnete seine Schreibtisch-Schublade, und entnahm ihm einen Gegenstand, „…ist der Schlüssel“ er langte ihn rüber, und Carsten nahm ihn.
„Danke“. Er betrachtete kurz den Schlüsselbund, den der Bürgermeister ihm ausgehändigt hatte.
„Sagen sie, Ich habe draußen in der Zeitung diesen Bericht gesehen über die Wattwanderer gesehen. Man muss sich doch keine Sorgen machen?“
Scheerboom wurde sichtlich Nervös.
„Nicht doch. bisher ist es noch gar nicht klar ,ob es ein Mord war.  Die Obduktion läuft noch, auch bei der anderen Leiche. Aber es kommt immer wieder mal vor ,das Wattwanderer hier verunglücken, weil sie die Risiken falsch einsetzen. wir empfehlen immer einen Wattführer.“
Carsten schien es ,als wäre Scheerboom selbst nicht von dem überzeugt, was er sagte.
Der Bürgermeister erhob sich, nahm sich eine Aktentasche, steckte ein paar Dokumente hinein,und kam um den Schreibtisch herum zu ihm.
„So, und nun lassen sie uns zum Haus fahren. Ich fahre voraus, und führe sie.“
Carsten wusste in etwa noch ,wo das Haus sein musste, aber allein hätte er doch nicht hin gefunden, so war ganz froh ,hin geführt zu werden.
Als sie das Büro verließen, stand ein Mann in der Eingangshalle, dem man von fern schon den alten Seebären ansah. Er war recht groß, von kräftiger, sehniger, Statur, und der leicht breitbeinigen Haltung, die man von Seeleuten kennt.
Er musste schon über Achtzig sein. Sein Gesicht war von Falten tief durchfurcht und vom Wetter gegerbt, mit einem breiten Mund, einer Adlernase, die wohl schon einmal gebrochen gewesen war ,und leicht schief wirkte, und wasserhellen, blauen Augen.
Er hatte volles, weißes Haar, auf dem eine alte Schiffermütze saß. Seine faltigen Hände wirkten wie Schaufeln.
Bekleidet war er ebenfalls wie ein Seemann. Eine starke, schwarze Leinenhose ,darüber ein dunkelblaues Hemd ,und darüber eine schwarze Teerjacke. Die Füße steckten in derben schwarze Lederstiefeln.
Als die beiden heran gekommen waren, fasste der Alte Carsten scharf ins Auge.
„Du bist also doch gekommen. Hättest bleiben sollen, wo du warst. Wenn dir dein Leben  und dein Verstand lieb sind, dann verschwindest du wieder von hier.“ Seine Stimme war tief und klang voll und klar.
„Verschwinde hier Michel, und verbreite deine Schauergeschichten woanders“
Der Alte griff in seine Tasche , zog eine alte Meerschaumpfeife heraus, und wies mit dem Mundstück auf die Zeitung. Sein Gesicht verzog sich zu einem Grinsen.
„Will er dir erzählen, das seien Unfälle gewesen?“
„Was soll es denn sonst gewesen sein?“, murrte Scheerboom.
„Glauben sie nicht, das es Unglücksfälle waren, Herr…“
„Behrend, Michel Behrend .Alle wissen was es war, aber sie wollen es nicht wahrhaben.“
„Was wollen sie nicht wahr haben?“
„Dieses Dorf ist verflucht“, sagte Michel, und sein Gesicht war wieder ernst „Es ist der Tod aus dem Watt, der sich diese Beiden geholt hat, so wie er es vor Dreißig Jahren mit deinen Eltern tat. Und er wird sich noch mehr holen“
„Moment mal, was wissen sie von meinen Eltern? Hören sie…“ Aber der Bürgermeister hatte ihn weg gezogen.
„Also, er weiß gar nichts von ihren Eltern. er erzählt gern Schauergeschichten, das ist alles“
Nein, nein. Wenn es die Möglichkeit gibt, zu erfahren, was mit meinen Eltern passiert ist…“
„Dann weiß er es sicher nicht“
„Sicher?“, Carsten drehte sich um, aber der Alte war verschwunden.
„Sehen sie?“, meinte Scheerboom. „Kommen sie, lassen sie uns zum Haus fahren.“
Carsten ging mit, doch er war aufgewühlt, und mit einem mulmigen, unheimlichen Gefühl, bestieg er sein Fahrzeug, und folgte dem des Bürgermeisters.

*
Das Haus lag am Ende eines schmalen Weges, der von der Hauptstrasse Richtung Meer führte. Es war ein altes Gutshaus, das direkt hinter dem Deich lag.
Auf der Rückseite führte eine Holztreppe den Schutzwall hinauf, über den man zum Wasser gelangte.
Die letzten Sonnenstrahlen tauchten alles in rotgoldenes Licht.
Sie betraten das Haus durch den Haupteingang. Es war ländlich eingerichtet Roh wirkende Bauernmöbel. Holzschränke, Tische und Bänke. Stühle aus Holz und Reet.
Die Küche funktionell, mit Kühlschrank, Gasherd, Spüle und Eckbank.
Das Wohnzimmer war alt, aber gemütlich eingerichtet. Eine große Eichenschrankwand, Leder-Sitzgruppe, und ein wuchtiger Couchtisch aus Eiche. Den alten Fernseher würde er wohl gegen etwas zeitgemässeres austauschen, wenn er denn hier blieb.
Im Obergeschoß befanden sich die Schlafzimmer mit einfachen Bauernbetten.
 Nach dem Rundgang ,nahmen sie kurz im Wohnzimmer Platz.
„So, nun haben sie gesehen, das das Haus in annehmbaren Zustand ist. Wenn sie mir den Empfang und die Bewohnbarkeit quittieren, wäre ich schon wieder weg.“
Er entnahm seiner Aktentasche zwei Blätter Papier ,legte sie vor ihn hin, und drückte ihm eine Füller in die Hand. Carsten las sich die Dokumente aufmerksam durch, und unterschrieb sie. Scheerboom steckte sie befriedigt wieder in seine Tasche, dann stand er auf, und Carsten brachte ihn zur Tür.
„Ach,wenn ich ihnen noch einen Tip geben darf, schenken sie Michels Schauermärchen keine Beachtung. Sie können hier beruhigt schlafen, und Morgen sehen wir uns in meinem Büro wieder.“ Sie verabschiedeten sich ,und er ging.
Carsten ging durch´ s Haus, und sah sich um. Dann beschloss er in den Garten zu gehen. Verwundert stellte er fest, das der gar nicht so verwildert wurde ,wie er erwartet hatte. Auch ihn hatte man gepflegt. Mittlerer Weile setzte die Dunkelheit ein, aber beschloss noch kurz auf den Deich zu gehen. Die Holztreppe war feucht, aber nicht morsch. Er ging die Stufen hoch und stand schließlich auf dem Deich.
Von hier aus konnte er weit über das Meer sehen, das sich jetzt zurück gezogen hatte, denn es war grad Ebbe. Glitzernd lag das Watt vor ihm unter dem sternenklaren Himmel. Oder fast klar. Als er den Blick nach Links schweifen lies, sah er eine Nebelbank. Eine kleine nur. Dennoch waberte der Nebel dicht über- ja, nur über dieser Stelle! Aber er blieb nicht dort. Er schien sich zu bewegen, und mittendrin war ein Licht, wie von einer Laterne oder einer Lampe. Und das schien es auch zu sein, denn es schaukelte und bewegte sich ebenfalls.
Gebannt beobachtete er den Nebel und das Licht, die sich in der Ferne auf die Küste zu bewegten. Was das oder wer ? Wattwanderer waren doch so spät nicht unterwegs.
„Du bist also hier geblieben“ Die tiefe Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Er wandte sich um. Neben ihm stand Michel Behrend.
„Ja, und eventuell bleibe ich auch“., meinte Carsten trotzig. Ist schließlich mein Haus, und meine Heimat.“
Der Alte lachte rau.
„So, deine Heimat. Sieh mal dort“ Er wies mit der Hand auf über das trocken gefallene Meer in Richtung des unheimlichen Nebels mit dem Licht.
„Er kommt. Heute Nacht wird wieder jemand sterben, so viel steht fest. Wehe dem, der jetzt ins Watt geht.“
„Wer ist das ein Mensch?“
„Kein Mensch. Das ist der Tod aus dem Watt, unser Fluch. Ich habe dir doch gesagt, dieses Dorf ist verflucht. Und der Fluch bringt den Tod. Wie es auch vor Dreißig Jahren war, und Dreißig Jahre davor. Alle Dreißig Jahre kommt er. Darum noch mal: Wenn dir dein Leben lieb ist, geh wieder fort.“
„Was für ein Fluch? Und sie haben meine Eltern erwähnt, was wissen sie davon, was damals passierte?“
„Oh je, du weißt es wirklich nicht mehr hm? Nun gut, ich habe dich damals gefunden“, er wandte sich um. dort in eurem Haus. Wimmernd hast du neben deinen toten Eltern gesessen in ihrem Blut. Er hat sie sich auch geholt.“
„Wer?“
Der Alte dachte kurz nach, ehe er sagte:
„Drüben am Hafen steht eine alte Fischerkate, Hafenweg 5.Komm Morgen Früh dort hin, dann werde ich dir alles erzählen. Nur eins noch: Halte dich Heute Nacht fern vom Watt!“
„Aber wieso erzählen sie mir nicht jetzt…“ weiter kam Carsten nicht, denn aus der Richtung, des unheimlichen Lichts, drang ein schrei zu ihnen herüber. Unmenschlich, dem Heulen eines Wolfes ähnlich.
Unwillkürlich drehte er den Kopf in die Richtung, aus der der Ton kam. Dann wandte er sich wieder zu Michel Behrend um, doch  der alte Mann war verschwunden.
*

Bürgermeister Scheerboom hatte noch etwas länger gearbeitet. Jetzt machte er sich mit seinem  Assistenten Rune Jansen auf den Heimweg. Sie schritten durch die jetzt ausgestorbene Rathaushalle, löschten alle Lichter, um schließlich das Rathaus zu verlassen.
Jansen öffnete die Tür, und sie schritten hinaus. Es war schon dunkel, und Nebel sammelte sich vor ihnen.
Jansen zog die Tür hinter sich zu, und wandte sich um. Nun.. wer ist das denn? Auch der Bürgermeister blickte gebannt nach vorn.
Dort stand im Nebel eine riesenhafte Gestalt, fast zwei Meter groß, mit einem langen, schwarzen Mantel, ein ziemlich altertümliches Stück, und ziemlich abgerissen, eine derbe, schwarze Hose ,und schwere Stiefel. Die Hände steckten in Handschuhen. Den Kopf bedeckte ein breiter Schlapphut, so das man das Gesicht nicht sehen konnte. Nur die Augen ,die orangerot glühten. In der Linken hielt der Unheimliche eine alte Laterne, in der anderen einen Hakenförmig gebogenen Malspieker.
„Hallo“, rief der Bürgermeister „Wer sind sie. Ich kenne sie nicht.“ Keine Antwort.
„Hallo, ich habe sie etwas gefragt!“
Der unheimliche antwortete immer noch nicht. Stattdessen schritt er langsam auf die beiden Männer zu, und blieb schließlich vor dem Bürgermeister stehen. Er drehte das Werkzeug in seiner Hand mit der Spitze nach Oben, und noch ehe einer etwas tun konnte ,stieß er es dem entsetzten Scheerboom mit unglaublicher wucht in die Brust.
Blut sickerte dem Bürgermeister aus dem Mundwinkel, und aus der Brustwunde. Der unheimliche Killer drehte das Eisen in der Brust seines Opfers, was ein hässliches Knacken verursachte, und zog den blutigen Haken hinaus.
Er wandte sich dem entsetzten Jansen zu, und schwang den Malspieker direkt vor ihm, so das er ihm die Kehle von Ohr zu Ohr aufriss. Gurgelnd fasste der getroffene  sich an seinen Hals ,und sein Blut lief ihm durch die Hände. Die Beine versagten ihm den dienst ,und er stürzte sterbend zu Boden. Den Aufprall merkte schon nicht mehr.
Der unheimliche betrachtete seine am Boden liegenden Opfer ,dann stieß er einen unmenschlichen ,gutturalen Schrei aus, wandte sich um, und verschwand, und mit ihm der Nebel.
*
Nach dem Frühstück am nächsten Morgen, machte sich Carsten auf den weg zum Hafen. Er hatte nicht viel schlafen können, weil ihm immer wieder durch den Kopf ging, was ihm Michel eröffnet hatte. Seine Eltern Opfer eines Mordes? Kein Unglücksfall, wie man es ihm erzählt hatte!
Es war, als wäre er in ein tiefes Loch gestoßen wurden. Warum hatte man ihm das verheimlicht? Schön, im Kindesalter war es wohl noch nicht möglich, aber verdammt, er war doch längst erwachsen. Spätestens jetzt hätte man es ihm sagen müssen.
Der Weg zum Hafen führte am Deich entlang, und ein Stück durch den Ort. dort, am Hafenweg, der direkt am alten Hafenbecken entlang führte, standen, wie Perlen auf einer Schnur aneinander gereiht, mehrere alte Fischerkaten, fast gleich aussehend. Windschief, mit weiß getünchten Wänden und Reetdach. Vor einigen hingen Netze ausgebreitet, so auch vor Nummer 5.
Er  ging zum Haus, und klopfte an. Die Tür öffnete sich, und Michel Behrend erschien. Er trug eine graue Arbeitshose und einen dunkelblauen Troyer über einem weißen Hemd.
„Aha, da bist du ja. Komm rein.“ Er trat zur Seite, um den jungen Mann herein zu lassen.
Innen war alles einfach, fast spartanisch eingerichtet. Eine schmucklose Diele, in der nur ein paar einzelne Bilder an den Wänden hingen. Der Wohnraum, in den er geführt wurde, enthielt ein altes Sofa, Sessel, Holztisch, und auf der Seite zum Fenster hin, eine Küchenzeile mit einem alten Gasherd, auf dem ein Wasserkessel stand. Auf dem Tisch standen zwei Tee-Gedecke und eine Kanne.
„Setz dich, du nimmst doch sicher Tee.“
„Gern“ Carsten nahm auf dem Sofa Platz.
In diesem Moment pfiff auch der Kessel. Michel nahm ihn herunter, und goss das Wasser in die vorbereitete Kanne. Zunächst nur ein wenig nach ein paar Minuten den Rest. Er ließ noch einmal ziehen, dann schenkte er den Tee durch ein Sieb ein. Sie tranken vom Tee und Michel zündete sich eine Pfeife an.
„Gut“, sagte er, und tat einen Zug. „Ich will dir nun alles erzählen. Es begann im Jahre 1847. Damals war Sandersiel noch ein junger Ort. Ein Fischerdorf, wie es viele an der Küste gab.
Eines Tages nun, strandete ein Fremder mit einem kleinen Boot an seiner Küste. Es stellte sich heraus, das er Däne war. Man gab ihm ein kleines Leerstehendes Haus, und da er handwerklich geschickt war, konnte er sich mit Gelegenheitsjobs bei den Bauern und Fischern über Wasser halten.
Aber dann kam der Tag, an dem Dorf-Vorsteher Godeke Scheerboom …“
„Scheerboom?“, fragte Carsten erstaunt.
Michel lächelte.
„Ja, der jetzige Bürgermeister ist sein Nachfahre, oder war es.“
„War?“
Ach hast du ´s noch nicht mitbekommen? Scheerboom und sein Assistent wurden Heute Morgen tot aufgefunden. Mit aufgerissener Kehle und Scheerboom hatte eine große Wunde in der Brust. Ich hatte ja Gestern Abend gesagt, jemand wird sterben.“
*
Carsten war starr vor Entsetzen, nicht zuletzt angesichts der kaltblütigen Gelassenheit, mit der der Alte das erzählte.
„Aber weiter“, fuhr Michel fort Scheerboom fuhr eines Tages für Geschäfte nach Bremen, und da kam es, das er einen Steckbrief sah, der ihren unbekannten Gast, der sich Harm nannte, getreu dem Original wieder gab.
Da las er, das Harm Kjaerulf als Küstenpirat wegen verschiedener Verbrechen gesucht wurde ,unter anderem auch wegen Mordes. Wegen seiner Angewohnheit, mit jenem Werkzeug zu töten, trug er auch den Beinamen „Käpt´n  Malspieker.“
Auf seinen Kopf war eine hohe Belohnung ausgesetzt, und nachdem Scheerboom zurück gekehrt war, und im Dorf davon erzählt hatte, beschloß der Rat, das man ihn ausliefern, und sich das Geld verdienen wollte. Er und Vier andere stellten ihm eine Falle. Sie täuschten vor, das es ein Schiff gäbe, das ihn wieder in die Heimat brächte, und lockten ihn an Bord. Doch es war ein Schiff der Regierung, und Kjaerulf war rasch von Soldaten umstellt. Als er Gewahr wurde, das man ihn betrogen hatte ,da sah er auf die Fünf  Verschwörer, mit einem blick, der nicht anders als teuflisch genannt werden konnte. Hoch richtete er sich auf, und rief : „Der Verrat, der an mir geübt, wird dieses Dorf verfolgen, und seinen Bewohnern noch bitter Leid tun. Bis in alle Ewigkeit soll mein Fluch auf euch lasten, und immer, wenn Dreißig Jahre voll sind, werden Fünf von euch diesen schändlichen Verrat mit dem Leben bezahlen. Ewig sollen dies dorf und seine Bewohner verflucht sein!“
In diesem Moment riss er sich von den beiden Soldaten los ,die ihn gepackt hielten, sprang auf einen Matrosen zu, entriss ihm den Malspieker ,den er grad in der Hand hielt, stieß ihn sich in die Brust, und sprang hohnlachend über Bord.
Die Soldaten und Matrosen konnten an der Reeling sehen, wie er in den fluten versank, doch sein Leichnam wurde nie gefunden.
Da in den folgenden Tagen, Wochen, Monaten und dann auch Jahren nichts passierte vergas man schnell die Verwünschung des Piraten, doch nach Dreißig Jahren wurden tatsächlich fünf Menschen aus dem Dorf grausam ermordet, und es wird auch von einem Licht im Watt berichtet ,und dem Nebel, der mit ihm kommt, und seitdem wiederholt es sich alle Dreißig Jahre bis Heute. Und vor Dreißig Jahren traf es auch deine Eltern.
Ich kannte sie gut, musst du wissen. Du erinnerst dich wohl nicht mehr daran, das ich auf den knien geschaukelt habe. Na Ja, damals wollte ich bei ihnen vorbei und nach ihnen sehen. Als ich ankam, war die Haustür weit offen. Ich ging hinein, und im Wohnzimmer fand ich sie.  Tot. Am Boden liegend in ihrem Blut, und zwischen ihnen hast du gesessen und gewimmert.
Den Rest kennst du .du kamst erst zu Petersens auf den Hof, und dann nach Bremen zu der Pflegefamilie, wo offenkundig einiges aus dir geworden ist.
So, nun weißt du alles .Du kannst behaupten,. das das mit dem Fluch Quatsch ist, aber was du gestern gesehen hast, und die Toten, das sind Fakten.“
 „Aber warum alle Dreißig Jahre? Warum nicht alle Fünfzig oder so?“
 „Das weiß niemand, das ist eines der großen Rätsel. Aber jetzt habe ich noch was zu tun. Ich muss noch  n´ paar Netze flicken. Ob du bleibst oder nicht, halte dich nachts fern vom Watt, und gib auf dich Acht. “
*
Mit einem mulmigen Gefühl ging Carsten nach Hause, doch einem plötzlichen Impuls folgend ging er noch zum Rathaus, und dort, nach entsprechenden Nachfragen, in die Bibliothek, die ein lokales Zeitungsarchiv enthielt.
Er studierte die alten Zeitungen, und stellte mit wachsendem Entsetzen fest, das Michel Recht hatte. Tatsächlich fand er in Zeiträumen von Dreißig Jahren Berichte über ungeklärte Morde die immer auf dieselbe Art begangen wurden: Aufgeschlitzt oder erstochen mit einem Malspieker. In einigen Ausgaben gab es auch Berichte über seltsame Beobachtungen, wie ein Licht im Watt, und Nebel, der sich bewegte.
Verstört ging er nach Hause, und legte sich ein Wenig hin. Später erledigte er ein paar Reinigungs- und Ausbesserungsarbeiten, auch um sich abzulenken.
Nachmittags unternahm er einen Spaziergang am Deich, und ging dann früh schlafen.
*
Es war mitten in der Nacht, als er durch ein Poltern geweckt wurde. Er stand auf, zog sich notdürftig an, und ging aus dem Zimmer und zur Treppe. Langsam schritt er sie runter, doch kurz vor dem ende der Treppe, blieb er abrupt stehen.
Die Tür stand auf, der Flur war von dichtem weißem Nebel erfüllt, aus dem sich eine riesenhafte Gestalt heraus schälte. Sie trug einen langen, schwarzen Mantel, schwere Stiefel, und einen breiten Schlapphut, der kein Gesicht erkennen lies. Nur rotorange glühende Augen. In der Linken hielt der unheimliche eine Laterne, in der Rechten einen -Malspieker.
Er schritt auf Carsten zu. Der junge überlegte fieberhaft. Wohin nur? Aber es gab nur einen Weg, also drehte er sich um, und rannte die Treppe wieder hinauf. Er hörte die schweren Schritte des Verfolgers, aber wohin jetzt? Er rannte ins Schlafzimmer, zum Fenster, riss es auf, und lief auf den Balkon. Die Schlafzimmertür wurde aufgestoßen. Es waren etwa drei Meter nach unten, aber es gab keine Wahl. Er stieg über den Balkon, und sprang ab. Er kam auf dem Rasen auf, und prellte sich den Oberschenkel. Stöhnend raffte er sich auf, und sah nach Oben. Da stand der Unheimliche und sah auf ihn herab.
Er lief los, zum Auto! Also um das Haus herum, doch er prallte zurück. Da waberte der Nebel, und der Killer kam auf ihn zu , und nun? Es gab nur einen Weg. Zum Meer .Er rannte los, die Treppe hoch, verfolgt von den schweren Schritten des Unheimlichen, der ruhig hinter ihm her schritt, so als wäre er sich seiner Beute bereits absolut sicher. Und diese Beute hieß Carsten Joorn.
*
Michel Behrend stand auf dem Deich am Hafen, und blickte aufs Watt, welches das, sich zurück ziehende Meer frei gegeben hatte. Er sah über den Ort, in die Richtung, in der  Carstens  Haus lag. Und sah er den Nebel, und er sah das Licht.
Er tat einen tiefen Seufzer, dann murmelte er: “Es ist soweit .nun gut, bringen wir ´s zu Ende.“ Er ging hinunter zu seiner Kate, schloss alles ab, zog einen Mantel über, und machte sich auf den Weg.
*
Er lief um sein Leben. War über die Salzwiese weg, und stand vor dem Watt. Verzweifelt sah er sich um, und gewahrte seinen unheimlichen Verfolger, der ruhigen Schrittes auf ihn zu kam. Er hatte eigentlich keine Chance mehr. Wenn er nun ins Watt lief, hatte er bald nur noch die Wahl zu ertrinken, zu erfrieren oder aufgeschlitzt zu werden, aber hatte er eine Wahl? Wohl kaum, also lief er los ins Watt. Spürte Sand und Steine unter den Füssen. Die Turnschuhe, die er notdürftig angezogen hatte, waren schnell mit Wasser voll gesogen, und seine Füße nass. Trotzdem lief er weiter. Verzweifelt, voller Todesangst.
Aber wohin sollte er? Richtung offenes Meer? Dann konnte er auch gleich stehen bleiben, und den Verfolger erwarten.
Aber Moment, da kam ihm ein Gedanke. Gab es da nicht eine alte Rettungsbarke in Richtung Hafen? Mit einem Korb in einiger Höhe. Eine Hoffnung, eine ganz schwache nur, aber die einzige, also änderte die Richtung, und lief weiter, und achtete nicht auf die Seitenstiche, die er allmählich bekam.
*
 Michel Behrend ging bedächtig den Deich entlang, in Richtung von Carstens Haus .er beobachtete den Nebel, der jetzt im Watt war. er lenkte seine Schritte darauf zu. Ruhig, gefasst. Insgeheim hatte er immer gewusst, das dieser Tag kommen wollte. Als er an der entsprechenden Stelle war, ging er hinunter zum Watt. Entschlossen   ,gefasst. Er betrat das Watt , und blieb stehen. Die Stunde war gekommen.
*
Die Seitenstiche plagten ihn. Die Luft ging ihm aus .Er mobilisierte seine letzten Kraftreserven, während er hinter sich das rhythmische Platschen der Schritte seines Verfolgers hörte.
Da kam die Barke in sicht. Los, hol noch mal alles aus dir raus, feuerte er sich in Gedanken noch einmal selber an. Sicher, er war durchaus nicht unsportlich, aber eine Musterathlet war er beileibe auch nicht.
Jetzt kam er an der Barke an. Der Unheimliche mochte gut zehn Meter hinter ihm sein. Er begann mit letzter Kraft hinauf zu klettern, und kam schließlich oben im Korb an, er kletterte hinein,und kauerte sich zusammen. Da hörte er das Geräusch: „Klang, klang ,klang“ Sein Verfolger kletterte hoch ,in dem er sich mit dem Hakenförmigen Werkzeug hochzog.
Aus und vorbei. Lief im Augenblick des Todes nicht immer das Leben vor dem geistigen Auge ab? Müßig, jetzt noch darüber nach zu denken. Er lehnte sich zurück, schloss die Augen, und erwartete das Ende.
*
Michel Behrend stand im Watt ,breitete die Arme aus, und rief laut in die Nacht hinein:
„Harm Kjaerulf, willst du nicht den fünften Verschwörer, der dessen Stimme damals entscheidend war.? Er ist hier ,komm und hol ihn dir! Hörst du Kjaerulf ? Komm und hol ihn dir!“
*
Carsten hatte mit dem Leben abgeschlossen .Er hielt die Augen geschlossen, und erwartete den Schmerz. Erwartete wie es schwarz wurde. Doch es geschah nichts. Nach ein paar Minuten öffnete er die Augen. Er sah hinunter. Sein Verfolger war verschwunden. Kein Nebel, gar nichts. Doch unten stieg jetzt das Wasser. Die Flut lief auf. Dann wohl doch erfrieren? Da, in der Ferne ertönte ein Schrei, wie er ihn Gestern Abend schon gehört hatte. Er lehnte sich wieder zurück .Jetzt konnte er nur noch warten, bis eventuell ein Schiff kam, und er wartete .Kälte und Müdigkeit ließen ihn irgendwann einschlafen.
*
Michel Behrend stand schon mit den Fußknöcheln im Wasser, die Arme noch ausgestreckt, als ihn plötzlich Nebel umwaberte, aus dem eine große Gestalt auftauchte, mit schwarzem Mantel und Schlapphut, die Laterne in der linken, und in der Rechten den Malspieker.
„ah ,da bist du ja“, sagte Michel ruhig.
Der unheimliche trat zu ihm, hob das Werkzeug, und rammte es dem alten in die Brust. Er sah stockte kurz, und riss dann den Haken wieder heraus.
Michel sank langsam zu Boden. Mein leben ist gelebt, aber ein anderes muss noch gelebt werden, und wird gelebt werden. Das war sein letzter Gedanke. So erleichtert starb er mit einem lächeln auf den Lippen.
Der unheimliche sah auf den Toten herab, den die Wellen der auflaufenden Flut umspülten, dann stieß er einen gutturalen Schrei uns, wandte sich ab und ging in Richtung offenes Meer, und mit ihm der Nebel, während er ging löste er sich langsam auf.
*
„Hey , aufwachen!“ Carsten schlug die Augen auf. Er befand sich in einer Koje auf einem Schiff. Unter ihm dröhnte der Motor. Über ihm stand lächelnd ein Seemann mit langem blondem Haar, und ebensolchem Vollbart in  Blaumannhose  und Pullover „Has ja man Glück gehabt, das wir grad an der ollen Barke vorbei gekommen sind.“
Carsten versuchte gequält das Lächeln zu erwidern, doch er war noch zu schwach.
Sie brachten ihn an Land, und zunächst zum Arzt. Dort erfuhr er auch, das man den alten Michel Behrend rot aus dem Meer gefischt hatte, mit einer entsetzlichen Wunde in der Brust.  
Später stand er wieder auf dem Deich hinter seinem Haus .Er überlegte, ob er hier bleiben sollte.  Er könnte seine Galerie auch von hier aus lenken. Es war inzwischen wieder Ebbe. Jetzt, im Licht der Sonne wirkte das Watt schön und beruhigend, wie es da glitzernd vor ihm lag. Es war eigentlich schön hier, und jetzt konnte er in seinem Haus in Frieden leben. Zumindest die nächsten Dreißig Jahre…