Sonntag, 2. Oktober 2016

Ronny 2-Rückkehr in den Dusterwald-Teil 5

5.Das Haus am Hexenstern

Ronny brauchte einen Tag, um sich zu erholen. Das war einerseits ärgerlich, weil Zeit wichtig war, doch ein halber Ronny nutzte auch nichts.

Den größten Teil verschlief er, und hatte einen Traum von seinen Pflegeeltern Zuhause, von Polizisten, Kindern, die sich in Luft auflösten, und Männern ohne Gesicht in blauen Kutten. All dies wurde durcheinander gewirbelt, so das es keinen sinn ergab. Alle Eindrücke der letzten Tage, schienen in seinem Kopf Gestalt anzunehmen, und zu explodieren.

Am nächsten Morgen, nach einem kräftigen Frühstück, hatte er diesen Traum fast schon wieder vergessen. Die Gedanken an die Rieses und die verschleppten Kinder blieben jedoch
 bestehen.

Er fühlte sich wieder fit und kräftig, und unternahm mit Thore einen Spaziergang im Wald, von dem sie gegen Mittag zurück kamen. Lucina, Baugin, Fenrick und Lichtfang warteten schon auf sie.

„Nun“, sagte die Fee „Da du wieder bei Kräften bist, wollen wir keine Zeit mehr verlieren. Der Hexenstern liegt mehrere Tagesreisen von hier. Diese Zeit haben wir nicht. Daher werden wir hiermit reisen.“
Sie zog einen runden Gegenstand aus der Tasche ihres Kleides hervor, den Ronny als Wegestein erkannte.

Sie hielt ihn hoch, so dass alle ihn berühren konnten, und im nächsten Moment begann sich alles zu drehen. Ronny kannte das zur Genüge. Er war nun schon mehrfach auf diese Weise gereist.
*
Einen Augenblick später, standen sie an einem finster wirkenden Ort im Wald. Es war eine von dichtem, dunklem Gestrüpp umgebene Lichtung, auf  der sich fünf Wege trafen, von denen einer düsterer und unheimlicher wirkte, als der andere.

In der Mitte, wo sie sich trafen, befand sich ein großer Kreis, in dessen Zentrum ein Windschiefer, verwitterter Wegweiser aus wurmstichigem Holz stand. Auf jeden Weg wies eine Fahne, deren Schrift kaum noch zu lesen war. Das schaurigste aber waren die fünf  ausgeblichenen Schädel, welche oben auf dem mittleren Pfahl des Schildes thronten, und dem Wanderer in allen fünf Richtungen entgegen grinsten.

„Das“, sagte Lucina „ist der Hexenstern. Einer der unheimlichsten ,Geheimnisvollsten ,und gefährlichsten Orte im Dusterwald.“
„Das hättest du uns nicht extra sagen müssen“, meinte Ronny lakonisch.

Lucina lächelte, und wandte sich um.
„Ah da“, meinte sie, und zeigte zur oberen Weggabelung. Dort stand ein verwittertes, zweigeschossiges Fachwerkhaus, an dessen Fassade oben „Zum Hexenstern“ geschrieben stand, wobei die Farbe der Buchstaben hier und da verbleicht war, oder abblätterte.

Sie gingen zu dem wenig einladend wirkenden Haus, öffneten die schäbige Tür, von der der Lack abblätterte, und betraten den ,von einer kleinen Deckenleuchte ,und mehren Kerzen in Wandhalterungen, in schummriges Licht getauchten Gastraum, der vom Geruch nach Rauch und Alkohol durchweht wurde.  Die Wände waren weiß getüncht. Jedenfalls musste das einstmals so gewesen sein, weil noch weiße Teile hervor leuchteten, doch jetzt hatten Rauch und Schmutz ihnen größtenteils einen gelblich braunen Ton gegeben.

Der Fußboden bestand aus dreckigen Holzbohlen. Tische und Stühle bestanden aus rohem Holz, und hatten eindeutig schon bessere Tage hinter sich hatten, und diese mussten schon sehr weit zurück liegen.

Auf den T
,ischen lagen vergilbte Tischdecken, und daran- ja daran saßen einige der skurrilsten Gestalten, die Ronny je gesehen hatte.

Schon von Links neben der Tür scholl ihnen ein Grunzen entgegen, und als sie hinsahen, gewahrten sie an einem Tisch drei Trolle mit großen Steinzeugkrügen neben sich, die Karten zu spielen schienen, nun aber argwöhnisch die Neuankömmlinge beäugten.

Ronny erinnerte sich, dass Trolle nicht eben zu den angenehmsten Geschöpfen von Dusterwald zählten, und damals dem Schattenfürsten gedient hatten.
Aber vielleicht hatten das nicht alle getan? Schon möglich, doch das machte diese Exemplare auch nicht sympathischer.

Während sie weiter hinein gingen, auf die wuchtige Theke zu, die sich am anderen Ende des Gastraumes befand ,und aus Eichenholz bestand, sahen sie an den Tischen wunderliche Gestalten, darunter Menschen mit langem Haar, deren Gesichter von Wirren Bärten bewachsen waren, in Leder- oder Fellkleidung, die teilweise groteske Formen aufwies, ebenso, wie die Dinge ,in denen ihre Füße steckten. Man sah eigenartigen Gebilde auf ihren Köpfen, die in einem früherem Leben sicher mal Hüte oder Mützen waren, sich jetzt jedoch jeder Definition entzogen.

Wild wirkten ihre Wetter gegerbten, vernarbten Gesichter, in dem hier und da ein Stück von der Nase oder ein Auge fehlte. An der einen oder anderen Hand fehlte auch mal ein Finger, und bei einem meinte Ronny auch ein Holzbein gesehen zu haben.

„Waldläufer“, erklärte Baugin „dieser Ort ist unendlich weit von jeder menschlichen Zivilisation entfernt, deshalb tragen sie keine Kleidung, wie du sie kennst. Viele haben eure Orte nie gesehen. Es sind raue Gesellen, und einige von ihnen sogar gefährlich.“

Die angesprochenen sahen die Freunde teils belustigt, teils ernst an. Anderen wieder waren sie gleichgültig. Sie rauchten lieber behaglich aus langstieligen Pfeifen.

Dazwischen gab es aber auch Zwerge, Kobolde, und andere Trolle, welche meistens unter sich blieben.

Die vielleicht skurrilste Erscheinung sahen sie nun hinter der ‚Theke: Etwa Zwei Meter groß, von grober, ungeschlachter Statur, in ein schmutziges Leinen Hemd gekleidet, dazu eine graue Hose.

Um den massigen, unförmigen Leib hatte er eine schmutzige Schürze gebunden. Aus den hoch gekrempelten Ärmeln ragten schmutzige, dicht beharrte Arme hervor, die .bei einer zierlicheren Person problemlos auch als Beine verwendbar gewesen wären. Sie endeten in massigen Händen, welche Grabschaufeln ähnelten.
Das außergewöhnlichste aber war sein Kopf. Unförmig, und mit wirrem, dunklem Haar bedeckt. Das Gesicht Trollartig mit großer, Kartoffelförmiger Nase, und breitem Mund mit schorfigen Lippen, aus denen links unten ein spitzer Zahn hervor lugte.

Die Brauen waren über den schwarzen Augen zusammen gewachsen, deren Blick stechend und argwöhnisch war. In den Zügen seines Gesichtes lagen Hinterlist und Verschlagenheit.

„Olchas, der Wirt“, erklärte Lucina. Er ist hinterlistig und verschlagen, aber keiner weiß mehr besser Bescheid über finstere Aktivitäten hier im Wald. Es heißt, er bekommt Informationen aus dunklen Kanälen.“

Sie trat zur Theke, und der finstere Wirt bemerkte sie. Über sein Gesicht glitt ein schiefes Grinsen, das ihn wie ein Raubtier erscheinen ließ.
„Sieh mal an, Lucina“, sagte er mit tiefer Reibeisenstimme „Es ist lange her.“
„Ja, es ist lange her. Zu lange vielleicht. So ist mir wichtiges entgangen, das mir diesen Gang vielleicht erspart hätte.“
„Und was soll das sein?“
„Bring´ erst Mal jedem einen Krug Met. Wir setzen uns an den Tisch da vorn. Bring dir auch einen mit, und setz dich zu uns“
Und Sie zeigte zu einem Tisch, gleich Rechts neben der Theke. Die Freunde verstanden, und nahmen dort Platz. Thore rollte sich unter den Tisch zusammen ohne jedoch seine Aufmerksamkeit zu verlieren. Wie Scheinwerfer leuchteten seine Augen unter dem Tisch hervor.

Olchas kam nach einigen Minuten mit mehren Krügen  an den Tisch und setzte sich.
Lucina vollführte mit dem Zeigefinger der rechten Hand eine kreisende Bewegung in der Luft, und hielt dann die Rechte auf, und im nächsten Moment fiel aus dem nichts ein Beutel mit Münzen darauf, den sie ihm hinhielt.

„Für die Zeche, und der Rest für die Auskunft.“
Der Halbtroll verzog sein Gesicht zu einem Grinsen.
„Du hast also noch nicht alles vergessen.“
„Wie du siehst. Also, was weißt du über verschleppte Menschenkinder?“
In seinen Augen schien es aufzuflammen.
„Oh, eine spezielle Frage. Nun, man hört so allerlei von Unheimlichem, das in letzter Zeit in Dusterwald geschieht, und nicht nur dort. Von einer uralten, zerstörerischen Kraft, die ,einmal entfesselt, den Untergang der Welt herbei führen könnte.“
„Und es hat mit den Kindern zu tun?“
„Ich glaube schon. Erst vor ein paar Tagen war ein Waldläufer hier, der mir von einer Beobachtung erzählte, welche er kurz zuvor machte. Er sah Gestalten, die ein Menschenkind davon trugen. Er hörte sie raunen und murmeln von dem Großen, der bald käme.

Er folgte ihnen heimlich, und belauschte sie, in der Hoffnung, das Kind befreien zu können, doch als er ihr Lager beschlich, erhielt er einen mächtigen Schlag, und wurde bewusstlos. Als er erwachte, waren sie fort, und ihre Spur nicht mehr zu finden.“

„Hat er denn mit bekommen, wer ihn nieder geschlagen hat?“
„Das ist es ja. Er sagt, kurz bevor das Bewusstsein verlor, habe er eine Gestalt in einer Robe mit Kapuze gesehen, aus deren ausgestreckter Hand ein Blitz geschossen war, welcher ihn endgültig außer Gefecht setzte.“

„Ein Blitz aus der Hand ?“
„Ja ,es muss sich um eine Art Magie handeln, und passt wiederum zu Berichten, die ich unlängst hörte von einem Geheimbund ,der über uralte sehr mächtige Magie verfügt, und dunkle Ziele verfolgt.“
Er hielt inne und grinste wieder.
„Möglich, dass ihr damit schon Bekanntschaft gemacht habt?“
Als er ihren Blick sah, lächelte  er wissend.
„Viele Dinge, die sich sogar bis hier herum sprechen.“

„Wenn es das denn war. Sag, weißt du mehr darüber?“
 „Über dunkle, alte Magie weiß hier nur einer Bescheid, und ich würde mich wundern, wenn ihr nicht sowieso vorhabt, ihn zu besuchen.“
„Du meinst Savinius?“
„Ja, ich meine Savinius, den Abt der blauen Mönche“
„Du kennst ihn?“
„Hin und wieder kommt er hierher. Sie stellen einen Kräuterschnaps her, den ich hier ausschenke. Das ist auch so ziemlich ihr einziger Kontakt mit der Außenwelt.“
„Man kommt von hier zu ihrem Kloster nicht?“
„Richtig, aber der Weg ist sehr gefährlich. Ihr müsst auf den zweiten Weg von hier, der Richtung Südosten nach Falkenburg führt. Nach der Hälfte des Weges geht rechts ein Pfad ab, dem müsst ihr folgen, doch er führt durch das Moor der Verdammnis. Eine der entsetzlichsten Gegenden überhaupt. Wehe dem, der dort vom Pfad abkommt. Er ist verloren. Es geht dort um. Untote, Geister und bösartige Wesen lauern dort. Ich rate euch bis zum Anbruch der Dunkelheit dort durch zu kommen.“

Sie tranken aus, und verließen das Haus. Mittlerer Weile war es Nachmittag geworden. Sie betraten den bezeichneten Weg, der wenig einladend wirkte. An beiden Seiten von dichtem Unterholz bewachsen, und von Nebelschwaden durchzogen, konnte man kaum zehn Meter weit sehen.

Entschlossen, aber vorsichtig schritten sie den Weg voran. Es vergingen wohl zwei bis Drei Stunden, bis Rechts ein dunkler Pfad erschien, an dessen Eingang ein verwitterter Wegweiser stand, auf dem nur das Wort „Kloster“ zu lesen war. Die Nebelschwaden waren hier noch dichter, so dass der Pfad kaum zu erkennen war.

„Wirkt noch weniger einladend“, stellte Fenrick düster fest
„Richtig“, meinte  Lucina „aber wir müssen dadurch. Es ist der einzige Weg.“
Sie warf einen Blick zum Himmel, der sich allmählig purpurn färbte.
„Was hat Olchas noch gesagt? Wir sollten bis zu Anbruch der Dunkelheit durch sein. Beeilen wir uns lieber.“
Sie schritten den Pfad entlang. Es wurde zunehmend kühl, und modriger Geruch lag in der Luft, der mit jedem Schritt stärker zu werden schien. Von Links und Rechts hörten sie blubbernde Geräusche.

„Hey, da war was an meinem Fuß!“, rief  Ronny plötzlich. Sie drehten sich zu ihm um.
„Jetzt ist es wieder weg“
Sie gingen weiter, und plötzlich erschien  vor ihnen ein Licht. Sie blieben stehen.
„Vorsicht“, hauchte Lucina
Dann kam von hinten Baugins Stimme:
 „Etwas hat mich am Bein!“
Tatsächlich, Hände kamen aus dem von links und Rechts aus dem Moor, und griffen nach ihnen, und hielten sie an den Knöcheln. Vor ihnen kam das Licht näher, und sie sahen ein außerordentlich hässliches Geschöpf, etwa einen Meter groß, mit einer Laterne in der Hand. Es war nackt bis auf einen Lendenschurz, und hatte einen völlig kahlen Kopf. Seine braune Haut war lederartig, und verschrumpelt, so dass es, wie eine kleine, vertrocknete Mumie wirkte.

Hinter ihm schälten sich ähnliche Wesen aus dem Nebel. und nun sah man auch, das sie bewaffnet waren .Sie trugen Speere. Auch der vordere mit der Laterne trug einen. Er zeigte auf die Freunde, und dann auf Ronny, dabei verzog sich sein hässliches Gesicht zu einem gemeinen Grinsen. Dann hob er seinen Speer, und schleuderte ihn nach dem, von zwei aus dem Moor ragenden Händen fest gehaltenen, vor Schreck erstarrten Jungen…

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