Sonntag, 16. Oktober 2016

Tod im Waldhaus-Teil 2

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So kam es also, dass ich mich noch am selben Tag bewarb. Natürlich brauche man eine Hilfskraft, teilte mir die Leiterin Lydia Graeff am Telefon mit. Allerdings nur saisonal für Drei Monate. Ich stellte klar, das dies kein Problem sei, da ich danach eine andere Stellung hätte, und so kamen wir zusammen.

Das Waldhaus stellte sich als großer, weiß getünchter, rechteckiger Bau mit abgerundeten Ecken heraus, welcher aus dem Achtzehnten Jahrhundert stammte, wie ich bei Recherchen heraus gefunden hatte.

Es lag mitten im Wald, am Ende eines befahrbaren Weges, der von der entgegen gesetzter Seite den Hang herauf führte, auf dem die Leiche gefunden worden war. Der Weg von der Mordstelle führte also zur Rückseite des Gebäudes, das von einem gepflegten Park umgeben war.

Ich klopfte an die Tür, und eine Bedienstete öffnete. Eine Frau Anfang fünfzig, mit stark knochigem Gesicht, und ausdruckslosen, grauen Augen. Das angegraute Haar sie zu einem strengen Knoten hoch gebunden. 

„Sie wünschen?“, fragte sie mit einer ebenso ausdruckslosen, hohlen Stimme.
„Hansen“, antwortete ich, Ich bin die neue Aushilfskraft“
„Ah ja“ sie musterte mich mit einer Mischung aus Misstrauen und Interesse. „Kommen sie herein. Ich bringe sie zur Schulleiterin.“

Sie machte die Tür frei, und lies mich ein. Krachen fiel die schwere Tür hinter uns zu. Sie führte mich in die große Eingangshalle, mit marmornem Boden, der mit roten Läufern belegt war, und Holz vertäfelten Wänden. Eine Marmortreppe führte in der Mitte nach Oben. Links und Rechts, sowie neben der Treppe, gingen Gänge ab.

Die Bedienstete führte mich den Gang zur Linken herab, an mehren Türen vorbei, zwischen denen Landschaftsgemälde hingen, bis zur Stirnseite des Ganges, an der sich eine Schwere Eichenholztür befand, auf der „L. Graeff, Leitung“, stand. Sie klopfte an die Tür, und eine weibliche Stimme rief: “Herein!“

Während sich die Bedienstete entfernte, öffnete ich die Tür, und trat ein.Das Büro war geräumig, und durch ein großes Fenster  mit Sonnenlicht geflutet war. Ein wuchtiger Schreibtisch stand hinten vor einem großen Aktenregal.

Von dort kam mir lächelnd eine Frau Ende Vierzig entgegen, ihre  Rechte ausgestreckt. Sie war etwa eins-siebzig groß, hatte kastanienbraunes Haar, das sie zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte, und eine schlanke Figur. Ihr Gesicht war immer noch hübsch, wirkte jetzt aber müde und erschöpft.

„Lydia Graeff, Internatsleiterin. Wir haben miteinander telefoniert. Schön, dass sie´s so schnell möglich machen konnten. Am besten weise ich ihnen erst einmal ihr Zimmer zu, damit sie auspacken, und sich frisch machen können.“
„Vielen Dank“

Das Gebäude war dreigeschossig .Im Erdgeschoss, befanden sich Büro- Lehr- und Diensträume. Im ersten Stock waren die Jungenschlafsäle, sowie Zimmer der männlichen Mitarbeiter-, im zweiten Stock Mädchen und Frauen untergebracht. So bekam ich mein Zimmer im ersten Stock.

Nachdem ich mich eingerichtet hatte, wurde ich von der Leiterin herum geführt, und dem Kollegium vorstellt. Es waren Drei männliche und drei weibliche Lehrkräfte .Hinzu kamen Küchen- und dienstpersonal, sowie der Hausmeister, Hubert Krauss, ein vierschrötiger, grob wirkender Kerl mit einem Bulldoggengesicht, der ein wenig Eigenbrötlerisch, aber ein guter und fleißiger Mensch sein sollte.

Gegen Mittag wurde es dann ein wenig lebhaft im Speisesaal, der sich in einem Anbau an der Rückseite des Gebäudes befand. Man kann sich wohl vorstellen, wie es ist, wenn mehr als Drei dutzend Lärmende in einen Speisesaal einfielen. Ich erfuhr, dass es sich um zwei Schulklassen aus Orten in der Umgebung handelte, die hier zu einer Art außerschulischem Lehrgang beherbergt wurde.

Der Mord im Wald schien an vielen tischen das bestimmende Thema zu sein, aber auch unter den Bediensteten. Ein dunkelhaariges Mädchen an einem nahen Tisch sah in unsere Richtung, wendete jedoch gleich ihren Blick ab, als sich Lydia Graeff zu uns setzte. Kurze Zeit später verließ sie den Saal.

„Lea Baskin“, erklärte die Leiterin „Fünfzehn Jahre alt. sie ist nicht ganz einfach, ist meistens bei Mädchen in diesem Alter so .Nun ja, vielleicht bringt ja der Ausflug morgen etwas. Da können sie als Betreuer mitfahren. Keine Sorge, ist halb so schlimm. Es werden auch zwei Lehrer mitfahren. So, und jetzt entschuldigen sie mich bitte, ich muss für morgen noch etwas vorbereiten. Es gibt ja so viele Dinge, die man bei so einem Ausflug beachten muss.“

Ein lebhaftes blondes Mädchen kam an unserem Tisch vorbei, und rief: “Herr Brinker, kommt die Polizei noch wegen dem Mord? Das wäre doch aufregend .Vielleicht hat ja jemand von uns was gesehen. Manchmal büxt ja jemand nachts aus.“
Sie lächelte wissend
„Die kommen sicher noch, Gillian.““, antwortet Dennis Brinker, 36 Jahre alt ,und Lehrer
„Hast denn irgendwas mitbekommen?“
Nöö, aber kann doch sein“, sagte sie Geheimnis voll, wandte sich ab, und ging mit einer Gruppe Mädchen davon.
„Gillian Gritz, ein Wildfang.“, meinte Brinker zu mir  „Sie ist sechzehn .Redet oft viel Stuss, hat eine sehr rege Phantasie.“
„ach Herr Brinker, ich habe noch etwas für sie .Diese Dokumente brauchten sie doch noch.“
Lydia Graeff war noch einmal zurück gekommen, und hatte einen dicken Umschlag vor ihn gelegt.
„Oh danke“, meinte der angesprochene, und sie entfernte sich wieder.

Nach dem Essen  gingen wir den Gang zum Hauptgebäude entlang. Durch die Plexiglasscheibe sahen wir Lea auf einer Bank sitzen, mit ihrem Smartphone beschäftigt. sie sah kurz auf, und unsere Blicke trafen sich.

Gegen Abend verlies ich das Haus, und ging den Pfad auf der Rückseite zu der Lichtung hin, wo der Tote gelegen hatte .Jetzt, im .Abenddunkel, und ohne Polizeikräfte wirkte sie friedlich und idyllisch. Jemand kam auf mich zu.Es war Daniel Voss, der hier auf mich gewartet hatte.

„ah, da bist du ja“, meinte er zufrieden. Nun, viel war es ja nicht, was ich zu berichten hatte, dazu war ich auch zu kurz da .Immerhin, der Verdacht einer Zeugin schien sich zu bewahrheiten. Gillian war es entweder  selbst, oder sie wusste, wer es war.

Daniel hatte jedoch interessante Neuigkeiten
 „Es geht um die Leiterin des Hauses, diese Lydia Graeff.Sie ist tatsächlich die Frau von Helmut Graeff, dem Innen -Staatssekretär. Bieber hatte ja wegen Geheimnisverrats ermittelt. Graeff soll am Mordtag in der Nähe gewesen sein, und seine Frau im Waldhaus besucht haben.“
„Sehr interessant. Dann könnte er durchaus unser Mann sein. Mach da weiter, und hier-„ ich zog einen Zettel aus meiner  Jackentasche „Eine Liste der Bediensteten und Lehrkräfte, die sollten wir auch überprüfen. Und jetzt muss ich zurück.“

Am  nächsten Morgen stand alles im Zeichen der Vorbereitung. Lydia Graeff wirkte noch müder .als Gestern.
„Wenn sie los sind, werde ich mich auf mein Zimmer begeben, und mich ins Bett legen“, sagte sie zu mir.“
So ging es auf den Ausflug, und ich muss sagen, mein Respekt vor Lehrern, und Betreuungskräften für solche Wildfänge wuchs. Den berühmten Sack Flöhe zu retten war nichts dagegen.

Recht erschöpft kamen wir am nächsten Nachmittag wieder an. die Kinder gingen auf ihre Zimmer, und wir taten dasselbe, um uns bis zum Abendessen auszuruhen.
Ich hatte es mir grad etwas bequem gemacht, als oben ein Aufruhr los brach.
Ich sprang auf, und ging zur Tür.Als sie öffnete, stand bereits Dennis Brinker davor.
„Kommen sie schnell, etwas ist mit Gillian.Ich habe schon den Notarzt verständigt.“

Wir liefen die ‚Treppe hoch, und zum Mädchen-Schlafsaal, wo mir mehrere bleiche Gesichter entgegen blickten. Ich erkannte Lea, die zusammen gekauert auf ihrem Bett saß.

Die drei Lehrerinnen standen, um ein Bündel herum, das vor dem Tisch lag.
„Sie hat aus der Wasserflasche getrunken, und ist einfach umgekippt!“, rief mir ein zierliches, brünettes Mädchen zu.


Die Lehrerinnen machten Platz, und ich beugte mich über sie, um gleich zu erkennen, das nichts mehr zu machen war. die hellrote Gesichtsfärbung, und der auffällige Bittermandelgeruch aus ihrem Mund, waren eindeutige Zeichen einer Cyanid - Vergiftung. Nun war wohl klar, wer unsere Zeugin war, aber der Mörder hatte sie vor uns erwischt….

                                                     Fortsetzung und Auflösung folgt

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