Sonntag, 21. Juni 2015

Tagebuch eines unfreiwilligen Helden-Teil 3

Teil2: Die Reise

11.Mai 2025,Morgens, irgendwo in Belgien, nahe der französischen Grenze

Nun habe ich wieder Zeit fürs Tagebuch. Celia duscht, und  macht sich frisch fürs Frühstück. Ich habe die Morgen-Toilette schon hinter mir, und will versuchen, den letzten Tag Revue  passieren zu lassen.
Es war später Nachmittag, als wir in Brügge ankamen. Auf dem Bahnhof herrschte, wie auf anderen Bahnhöfen  großer Städte reges Leben. Aus Zügen stiegen Menschen aus und in andere ein. Flanierten über den Bahnsteig und blieben an Imbiss -Ständen oder Kiosken stehen. Beobachtet von Uniformierten mit Maschinenpistolen, die auf Podesten, hoch über den Bahnsteigen, standen und alles im Auge hatten. Aber auch auf dem Bahnsteig sah ich jene Männer in dunklen Anzügen, die mit finsterer Miene in die Menge blickten. Immer gegenwärtige Vertreter der Staatsmacht und Werkzeuge der totalen Überwachung durch den „großen Bruder“, der seinem Volk nicht traute. Ob sie eventuell auch nach uns Ausschau hielten?

„Und jetzt?“, fragte Celia „Gleich zu ihm, oder erst mal in ein Hotel?“
„Ja, zu dumm, das wir keine Telefon-Nummer von ihm haben, sonst könnten wir ihn jetzt anrufen, und uns ankündigen.“
„Moment“, meinte sie „Vielleicht können wir das doch“
Sie sah sich kurz auf dem Bahnsteig um, ging schließlich zu einer Telefonzelle, und nahm das dort liegende Telefon-Buch zur Hand.
„In Belgien wird flämisch und französisch gesprochen, und zumindest französisch beherrsche ich. Hab´n Paar Jahre in Paris gelebt.“
Sie schlug das buch auf.
„Ha, in französisch und flämisch. Wie heißt er noch gleich?“
„Drees de Gruyne, und wohnt in der Wyngaardtstraat“, antwortete ich, und buchstabierte.
 Sie suchte kurz.
„Ah hier ja, das ist es.“

Sie kramte einen Kugelschreiber aus ihrer Jackentasche, riss die untere Ecke aus der Seite und schrieb die Nummer auf. Ich wollte sie grade fragen, warum wir nicht gleich anrufen wollten, sagte sie schon:
„Ist besser, wenn wir erst mal aus dem Bahnhof raus kommen.“, und wies auf einen dunkel gekleideten, vierschrötigen Mann, der uns scharf ins Auge gefasst hatte. Neben ihm tauchte ein Zweiter auf.
Ich verstand. Unter dem Blick der Zwei, verließen wir die Telefonzelle und den Bahnsteig, schließlich auch das Bahnhofsgebäude. Draußen suchten wir uns eine andere Zelle, von der aus Celia die Nummer wählte. Es meldete sich jemand am anderen Ende, mit dem sie auf französische sprach. Schließlich hängte sie ein, und wandte sich an mich:
„Wir sollen in zwei Stunden bei ihm sein, Zeit genug, ins Hotel zu gehen, kurz frisch zu
machen, und was zu essen. Ach ja, wir sollen das Testament mitbringen.“

Wir gingen also in ein Hotel in der Nähe. Bewusst wählten wir ein kleineres Haus, in der Annahme hier sicherer zu sein. Vorher kaufte ich in einem Geschäft Toiletten. Artikel und Kleidung, wobei mir Celias Französisch-Kenntnisse nützlich waren, obwohl das Personal dort leidlich auch der deutschen Sprache mächtig war. Ich begann die Vorzüge des ererbten Bank-Kontos langsam zu schätzen.
Brügge ist eine alte Hansestadt und war im Spätmittelalter eines der Zentren der Textilindustrie und des Fernhandels in Europa und damit eine der Geburtsstätten des Frühkapitalismus In der Stadt residierten zeitweise die Herzöge von Burgund, unter deren Herrschaft Brügge zu einer der wirtschaftlich und kulturell reichsten Städte im damaligen Europa wurde.

Nachdem wir gegessen hatten, nahmen wir uns ein Taxi, um zu De Gruyne zu fahren. Die Wyngaardtstraat liegt in der Nähe des Begijnhofes in der Nähe eines jener Kanäle, welche die Stadt durchziehen, und dort Reien genannt werden.

Während der Fahrt bemerkte ich ein dunkelgraues Coupe, das uns in einiger Entfernung folgte.
Ich machte Celia darauf aufmerksam. Sie nickte. Auch unser Chauffeur schien den Verfolger bemerkt zu haben, und fuhr plötzlich schneller, und schlug Haken. Schließlich kamen wir am Ziel an. Ich hatte mich nicht mehr umgesehen, war aber sicher, dass unsere Verfolger nicht aufgegeben hatten.
Wir stiegen aus, und gingen zum Haus. Noch bevor wir an der Tür waren, wurde diese geöffnet, und ein hoch gewachsener Mann mit weißem Haar und  einem hageren Gesicht mit Oberlippenbart und hellblauen Augen trat heraus.

„Kommt herein, schnell!“, raunte er uns in gebrochenem Deutsch zu, und wies uns mit einer Handbewegung herein.
Als wir an ihm vorbei, und ins Haus traten, bemerkte ich, dass er in Richtung unseres Taxis sah, und ein Zeichen gab.
Er wies uns ins Wohnzimmer. Hier war bereits ein Kaffee-Gedeck für Drei aufgelegt worden.
„Setzt euch“, sagte er, und wies uns Sessel in der im altertümlichen Stil eingerichteten Stube zu. Wir setzten uns auf ein kleines Sofa, und er nahm uns gegenüber Platz.
„Nun“, sagte er, und fasste mich ins Auge „Du bist also Alfred Kolbs Sohn. Hätte nicht gedacht, das dieser Tag noch kommen würde. Hast du…“

Ich holte das Testament hervor, und reichte es ihm. Er las es kurz durch, und gab es mir dann zurück.
„Ja, du bist es also wirklich“, sagte er. Dann erhob er sich, verlies kurz das Zimmer und kam nach wenigen Minuten zurück. Er hielt einen dicken Umschlag in der Hand, den er mir reichte.
„Das sollst du erst öffnen,  wenn du die anderen hast. Alle drei Teile des Geheimnisses müssen zusammen gesehen werden.“
Ich betrachtete sinnend den Umschlag in meiner Hand. Celia ebenso. Ich sah ihn an.
„Wissen sie, was drin ist?“
„Ich habe ihn nie geöffnet“, antwortete De Gruyne „Gleichwohl, ich vermute es. Ich war ein guter Freund deines Vaters. Du weißt, für wen er gearbeitet hat.“
„Ja“
„Ja, natürlich weißt du es. Darum bist du ja auch hier. Dein Vater vertraute mir das da an.“ Er wies mit dem Kopf auf den Umschlag in meiner Hand „Das war vor etwas mehr als einem Jahr. Drees, hatte er gesagt, in diesem Umschlag steckt etwas, von dem der Erfolg der Rebellion gegen die Diktatur abhängt. Sorge dafür, das mein Sohn das bekommt, aber nur ihm.“
„Mein Vater war also tatsächlich im Widerstand?“
„Er war einer der führenden Köpfe“
„Dann gehe ich wohl Recht, das sie auch im Widerstand sind“
„So ist es, und auch der Chauffeur, der euch her gebracht hat. Wir wussten von einem Verbindungsmann in Bremen, das ihr kommt, und unsere dunklen Freunde wissen es mittlerer Weile auch.“
„Ja, wir haben sie auf dem Bahnhof gesehen. Sie haben uns auch verfolgt.“
„Wahrscheinlich kennen sie auch euer Hotel, aber das sehen wir noch. Inzwischen seid ihr gewisser Maßen berühmt."

 Er sah auf die Uhr, dann stellte er den Fernseher an. Es lief eine Nachrichtensendung, in flämisch, französisch und deutsch. Grade hörten wir die Suchmeldung.
 „Gestern Abend sind in Bremen ein Mann und eine Frau den Ordnungskräften entkommen, denen Bemühung gegen die Sicherheit des Staates zur Last gelegt werden. Es handelt sich um Tobias Schobert und Celia Chiang, jeweils 25 Jahre alt...“, unsere Bilder waren zu sehen „… Nach ihnen wird vom Polizei- Ministerium  gefahndet. Zweckdienliche Hinweise nimmt das Ministerium und jede Polizei- Dienststelle entgegen. Jeder Versuch, ihnen zu helfen wird streng bestraft. Das Ministerium lässt ebenfalls verlauten, das ihre flucht notfalls auch mit der Schusswaffe aufzuhalten sind.“
Celia und ich sahen uns beklommen an. Nun waren wir vogelfrei! Das das irgendwann kommen würde, war klar, aber so schnell?

„Tja, ihr seid in Schwierigkeiten, aber keine Sorge, ihr habt Hilfe. Kommt.“ wir erhoben uns ,und er führte uns in den Keller. Hier reichte er uns Mäntel und Mützen. „Zur Tarnung“, sagte er.“ Unser freund, der Chauffeur ist gerade mit zwei Attrappen unterwegs zu eurem Hotel“ er grinste „Die hatte er schon im Kofferraum“ Wir gingen durch die Kellerräume, und kamen schließlich in einen Hinterhof-Garten, den wir durchschritten. An der Pforte stand ein Mann im braunen Mantel, der eine Schiebermütze trug, welche er tief ins Gesicht gezogen hatte. „Das ist Pierre“, sagte Drees. Der andere nickte uns zu.

„Folgt mir“, sagte er kurz. Er führte uns an den Kanal, an dem ein kleines Boot lag, das zur hälfte mit einer Persenning bedeckt war.
„Steigt ein“, sagte er, und wies mit der Hand auf das Boot. Zwar hatten wir noch unsere Sachen im Hotel, aber daran konnten wir jetzt nicht denken. Wir stiegen also ins Boot. Pierre löste die Leinen, und sprang dann auch ins boot, das dadurch ein wenig ins Wackeln geriet. Er ging nach hinten, lies den Aussenboarder ins Wasser, zog ihn an, ergriff das Ruder, und lenkte das Fahrzeug in die Mitte des Kanals.

Eine Weile fuhren wir, dann fluchte Pierre plötzlich:
„Mist ein Patrouillenboot.“  Tatsächlich tauchte vor uns ein graues boot auf, das in der Dämmerung gerade noch zu sehen war, und mit einem starken Scheinwerfer das Wasser beleuchtete „Hoffentlich haben sie uns noch nicht gesehen“
Doch schon hörten wir eine Lautsprecherstimme: “Halten sie ihr Boot an, wir kommen längsseits zur Kontrolle“  
„Merde“, stieß Pierre hervor, riss das Gas hoch, und jagte mit dem kleinen Boot auf das Polizei-Boot zu, und daran vorbei, wobei sich die Rümpfe leicht berührten.
Gleich dahinter ging rechter Hand ein Stichkanal hinein, in den Pierre einbog. Hinter uns wendete das Patrouillen-Boot, um die Verfolgung aufzunehmen.

Pierre fuhr den Stichkanal entlang, dann wendete er das Boot, und legte es an die Mole zwischen mehreren anderen Booten, und schaltet den Motor aus.
„Unter die Persenning!“ rief er uns zu. Wir gehorchten, und er sprang aus dem Boot, befestigte es, und zog die Persenning vollständig über das Boot, dann schien er sich zu entfernen.

Nur kurze Zeit später hörten wir das röhren eines Motors näher kommen. die Patrouille! Wir hörten das Boot an uns vorbei kommen. Durch ritzen in der Persenning schien das Licht herein, mit dem sie den Kanal ausleuchteten. War es überhaupt noch möglich zu entkommen? Ich schloss ab…

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